Wer heutzutage ein "Originalklang"-Ensemble gründet, muss die "historisch informierte" Spielweise nicht neu erfinden oder begründen. Im Selbstporträt der ersten CD des von Emmanuel Krivine vor zwei Jahren gegründeten Ensembles "La chambre philharmonique" glaubt man hingegen dies tun zu müssen. Auch irritiert die Aufmachung des (nicht deutschsprachigen) Booklets, das mit Kleinschreibung und Fotos von Solisten vor aschgrauen Kacheln einer Bahnhofsunterführung (?) aufwartet. Derart "cool" und modernistisch ist der tönende Inhalt gottlob nicht; vielmehr begeistert über weite Strecken, was Krivine seiner Kammerphilharmonie und seinen Sängern vor allem an sensibelsten Dynamik-Schattierungen entlockt.
Geradezu ins Mysteriöse hinein verdunkelt beginnt das c-Moll-Kyrie dieses grandiosen Torso, mit dem Mozart bekanntlich der Bach'schen h-Moll-Messe etwas Adäquates an die Seite stellen wollte. Sandrine Piau schließt nahtlos an mit einem behutsamst vorwärts tastenden "Christe eleison". Ihre Ausnahme-Qualitäten kann die Sopranistin vor allem in der großartigen "Et incarnatus est"-Arie des fragmentarischen Credo unter Beweis stellen. Hier intoniert sie so kristallin klar und sphärenhaft zart, dass man - der Liturgie zum Trotz - sogleich eine der schönsten Liebesarien zu hören glaubt; überdies stellt sich beim "Homo factus est" unwillkürlich die (zugegeben etwas kitschige) Vorstellung ein, dem glücklichen Gatten habe die frisch vermählte und schwangere Konstanze, die die Arie selbst in Salzburg 1782 uraufführte, liebevoll beim Komponieren über die Schulter geschaut.
Lässt sich so viel Sopran-Glück verdoppeln? Ja, denn Anne-Lise Sollieds koloraturgewandter, geschmeidiger und gleichzeitig glutvoller Mezzo steht im "Laudamus" sowie im "Domine"-Duett und "Quoniam"-Terzett des "Gloria" Piaus Fähigkeiten in nichts nach. Über die ansprechenden Darbietungen der wenig geforderten beiden männlichen Kollegen muss man nicht weiter berichten, sieht man von der auch von ihnen mustergültig befolgten Maxime Krivins ab, ein extremes An- und Abschwellen der betont/unbetonten Silben respektive Taktteile zu praktizieren.
Der von Laurence Equilbey einstudierte Pariser Accentus-Chor verfügt - passend zum samtenen Orchesterklang - über junge und warmtimbrierte Stimmen. Er ist, wie den überaus virtuos angegangenen Fugen anzumerken ist, in luftig-leichten Sechzehntelläufen bestens trainiert. Daneben sind, wie im brennend intensiv intonierten "Qui tollis", Momente bohrender Intensität zu erleben. So bleibt - dem Booklet und der überaus trockenen Akustik der Montpellier-Oper zum Trotz - ein höchst beachtliches Debüt mit einer Mozart-Glanztat zu vermelden.

Christoph Braun, 01.04.2006



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