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Epistrophy

Bill Frisell, Thomas Morgan

ECM/Universal 5770156
(69 Min., 3/2016)

Nach dem ersten Titel „All In Fun“ pfeift jemand im Publikum anerkennend, und zwischendurch ist auch leises Gläserklirren zu erkennen. Eine solche Geräuschkulisse ist bei Aufnahmen aus dem New Yorker Jazzclub Village Vanguard nichts Ungewöhnliches; schon auf den zu Jazzklassikern gewordenen Mitschnitten des Bill Evans Trios „Sunday At The Village Vanguard“ und „Waltz For Debbie“ aus dem Jahr 1961 war Ähnliches zu hören. Sie störten weder beim Hören jener Alben noch auf dem Live-Mitschnitt des Gitarristen Bill Frisell und des Kontrabassisten Thomas Morgan. Im Gegenteil: Sie unterstreichen die gelöste, von allem Druck freie Live-Atmosphäre des musikalischen Dialogs von Gitarre und Kontrabass.
Zwischen 8. und 13. März 2016 stand das Duo für zwei Shows am Tag auf der Bühne des Clubs; ein erster Teil der hierbei entstandenen Mitschnitte wurde bereits 2017 auf der Disc „Small Town“ veröffentlicht – Rondo bewertete sie damals mit fünf Punkten. Die fast zwei Jahre später folgende Scheibe „Epistrophy“ knüpft nahtlos an jene Veröffentlichung an. So wird man erneut Zeuge eines intensiven Dialogs zwischen zwei Musikern, die intuitiv aufeinander eingehen, wobei Frisell etwas häufiger als Morgan die Initiative im Großen ergreift, während Morgan eher Nuancen setzt, auf die Frisell wiederum reagiert. Das neue Album enthält keine eigenen Kompositionen der zwei; stattdessen konzentrieren sie sich auf Jazz- und Countrynummern sowie John Barrys James-Bond-Stück „You Only Live Twice“.
All diese Stücke interpretieren sie mit einem ungewohnten Zugang. So hält Frisell die Melodie von Billy Strayhorns „Lush Life“ wunderbar am Schweben, indem er einerseits Passagen zusammenzieht und andererseits scheinbar zögert, sie fortzusetzen. Im von Thelonious Monk komponierten „Epistrophy“ bindet er die Töne indessen stärker zusammen, als dies Monks sperrigem Klavierspiel entsprochen hätte. Im Gegensatz dazu verwandeln die beiden Monks „Pannonica“ in ein klangpointilistisches Kleinod. Ein besinnliches „In The Wee Small Hours Of The Morning“ rundet die Auswahl der Jazztitel ab.
Mit einer melodiefunkelnden Version des Traditionals „Red River Valley“ sowie verträumten Version von „Wildwood Flower“ kommt das Duo Frisells Vorliebe für Countrysongs nach, wobei sie an die Blumennummer eine gefühlvolle, ebenfalls von der Countrymusik beeinflusste Fassung des Soulklassikers „Save The Last Dance For Me“ hängen. Das folgende, aus dem Repertoire von Paul Motian übernommene „Mumbo Jumbo“ schafft mit kurzen, knappen Tonbewegungen einen Kontrast zu dieser Country-Soul-seligen Doppelnummer.
Nur selten lassen Duo-Aufnahmen ein derart tiefes Einverständnis zweier Musiker spüren, wie dies Frisell und Morgan verbindet. Wie die zwei kommunizieren, wie sie die Gedanken des anderen aufgreifen, wie sie gleichzeitig improvisieren und sich nie verlieren, macht „Epistrophy“ ebenso wie die Vorgängerdisc „Small Town“ zu Highlights der Duo-Kunst.

Werner Stiefele, 20.04.2019



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