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The Secret Between The Shadow and The Soul

Branford Marsalis Quartet

Okeh/Sony 19075914032
(63 Min., 5/2018)

Mit Lester Young und Coleman Hawkins begann vor 75 Jahren die Geschichte des von Saxofonisten angeführten Jazzquartetts, schreibt Bob Blumenthal in den Liner Notes „The Secret Between The Shadow and The Soul“. Wenn man bedenkt, dass das Branford Marsalis Quartet seit 33 Jahren besteht, davon über 20 in der praktisch identischen Besetzung, muss man diese Leistung schon als historisch bezeichnen.
Woher rührt diese lange Lebensdauer? Nun, Marsalis, Pianist Joey Calderazzo, Bassist Eric Revis und Band-Benjamin Justin Faulkner an den Drums („erst“ seit zehn Jahren dabei) beherzigen die Tipps von Beziehungsratgebern: Öfter mal was Neues ausprobieren (bei der letzten Einspielung „Upward Spiral“ holten sie sich mit Kurt Elling einen Sänger mit an Bord) und auf die Bedürfnisse des anderen eingehen. So stammt nur eine Komposition, die spannend-unsentimentale Ballade „Life Filtering From The Water Flowers“ im Gedenken an die verstorbene Mutter, von Bandleader Marsalis.
Bassist Revis steuert zwei Kompositionen bei, die radikal die Komfortzone des gepflegten Postbop verlassen. Im Zickzackkurs zwischen Kontrolle und Aggression spielen sich die vier da regelmäßig in eine freie Ekstase, die einen Fingerzeig gibt, wie John Coltrane heute klingen könnte. Dem diametral entgegengesetzt sind die zwei Songs von Pianist Calderazzo: Klassisch ausgewogen und mit einem kultivierten Sopransax kommt „Conversation Among The Ruins“ daher, während „Cianna“ eine Rumba prämodernen Schlages ist – und fast schon wie ein Altherrenwitz wirkt (ob bewusst oder unbewusst, sei dahingestellt).
Komplettiert wird das Programm von Andrew Hills schräger Floskel- und Rhythmusversuchsanordnung „Snake Hip Waltz“ sowie Keith Jarretts gospeligem Gute-Laune-Rausschmeißer „The Windup“. Die Aufnahme zeigt nicht nur, dass das Saxofonquartett-Format noch lange nicht auserzählt ist. Sie beweist auch eindrücklich, dass sich lange Partnerschaften auszahlen und jeden einzelnen zu einem abenteuerlustigeren Musiker machen können.

Josef Engels, 20.04.2019



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