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Where The Spirits Eat

Tobias Wiklund

Stunt/in-akustik 03719012
(56 Min., 12/2017)

Lange Haare, zotteliger Bart, konzentrierter Blick: Tobias Wiklund sieht ein wenig aus wie sein schwedischer Landsmann Magnus Nilsson, der im Jämtland eines der ungewöhnlichsten und urwüchsigsten Restaurants der Welt betreibt. Ähnlich wie der Koch, dessen Wirken in der Netflix-Dokumentation „Chef's Table“ zu bestaunen ist, beschreitet auch Wiklund den Weg zurück zum Archaischen und Ursprünglichen, um die verbildeten Genussrezeptoren wieder freizupusten.
Dafür greift der 1986 geborene Schwede, der sich in der skandinavischen Szene durch die Zusammenarbeit mit der dänischen DR Big Band, Snorre Kirk oder Maria Faust einen Namen machen konnte, auf ein vermeintlich vorsintflutliches Instrument zurück: das Kornett.
Wiklund haucht dem Horn aus der Frühzeit des Jazz im wahrsten Sinne des Wortes neues Leben ein. Auf seinem Debüt unter eigenem Namen bläst er sein Kornett mit einer schmerzlichen Süße und einem vollem Ton, in dem nordische Schwermut und ECM-ness genauso durchschimmern wie der Blues der Urzeit, die virtuose Geschmeidigkeit des Bop und das harsch Sehnige eines Don Cherry (der übrigens auch das Kornett einsetzte).
Wie ernst es Wiklund mit dem Rückgriff auf die Urgründe des Jazz ist, zeigt sich unter anderem darin, dass er mit „Songs Of The Vipers“ und dem „Weather Bird Rag“ zwei Stücke von Louis Armstrong reimaginiert, beide im Duett mit Lasse Mørcks artgerecht stampfendem und slappendem Kontrabass.
Das Faszinierende an der Aufnahme ist aber, wie wenig museal Wiklund, Mørck, der unglaublich in sich ruhende Pianist Simon Toldam und der auf den Toms tanzende Schlagzeuger Daniel Fredriksson klingen, obwohl sie stilistisch die Felder von New Orleans, Swing („Dancing To The Drum Of No Conscience”) oder klassischem Miles Davis („Waking Up On Buffalo Hill”) abgrasen wie die alten Mutterkühe von Koch Nilsson.
Das schmeckt in seiner Naturhaftigkeit nicht nach Konserven von Gestern, sondern ganz heutig. Bei Wiklund werden die Geister der Vergangenheit eben nicht ätherisch im Sinne einer historischen Aufführungspraxis beschworen, sondern man kann ihnen beim sinnlichen Schmatzen zuhören.

Josef Engels, 27.04.2019



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