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Johann Sebastian Bach

Violinsonaten BWV 1016 - 1019

Renaud Capuçon, David Fray

Erato/Warner 19029550578
(64 Min., 12/2017)

Es ist keine Frage: Die musikalische Substanz der Violinsonaten Bachs kann auch mit modernem Instrumentarium zur Geltung gebracht werden. Zählen die Spieler das rhetorische Potential der Musik zu deren hervorstechenden Merkmalen, dann werden sie sich auch auf ihren modernen Instrumenten um eine differenzierte Artikulation und Phrasierung bemühen, die die polyphon verflochtenen Linien einzeln und miteinander zum Sprechen bringt, so wie das seit Längerem in der historisierenden Aufführungspraxis üblich ist. Renaud Capuçon und David Fray haben sich für ihre Einspielung von vier der insgesamt sechs Violinsonaten Bachs solchermaßen inspirieren lassen: Vor allem im Klavier gibt es niemals ermüdendes Dauerlegato, sondern erfreulicherweise ein gepflegtes Nonlegato als Grund-Bewegung, die dann durch differenzierte Abstufung maßgeblich zur Verlebendigung der Linien beiträgt. Der Geigenpart neigt in dieser Einspielung im Vergleich etwas stärker dem Legato zu, bzw. Capuçon mildert die gewissen Härten des Nonlegato durch ein Ausschwingen-Lassen der Töne in ein eher stilfremdes Vibrato ab – dem Klavier steht dieser Effekt naturgemäß (zum Glück) nicht zur Verfügung, weshalb der Dialog zwischen den beiden ungleichen Instrumenten nicht immer ganz stimmig ausfällt. Letzteres ist allerdings ein grundsätzliches Problem, das in der Originalbesetzung mit der nicht minder „fremdelnden“ Kombination von Violine und Cembalo häufig noch krasser zu Buche schlägt: Immerhin hat das moderne Klavier im Gegensatz zum Cembalo die Möglichkeit abgestufter Anschlags-Lautstärke und -Härte. Es wäre töricht, davon nicht Gebrauch zu machen, David Fray tut es mit gebotener Umsicht und „Bescheidenheit“. Kurzum, die Besetzung Violine plus obligates Cembalo ist schon historisch gesehen eine Herausforderung, obwohl natürlich ungeheuer kreativ und zukunftsweisend. Die Widersprüche bleiben bei Verwendung moderner Instrumente teilweise relevant, was aber eben kein Hinderungsgrund für diese Art von Besetzung sein kann. Capuçon und Fray, die diese Stücke hörbar lieben und sich intensiv mit ihnen auseinandergesetzt haben, machen somit „das Beste“ aus einem Dilemma, das seinen Grund nicht allein im Spannungsfeld von „historisch“ und „modern“ hat.

Michael Wersin, 04.05.2019



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