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Near and Now

Gwilym Simcock

ACT/Edel 1098832ACT
(59 Min., 11/2018)

Drei Jahre tourte Gwilym Simcock in der Band des Gitarristen Pat Metheny – ein Ritterschlag für den Waliser. Was tun, wenn diese Phase vorüber ist? Der Pianist konzentrierte sich auf sich selbst, den Flügel, das Solospiel und nahm in der eigenen Wohnung fernab vom Studiobetrieb zwei Suiten und drei einzelne Stücke auf. Diese neun Titel widmet er fünf Musikern, die ihn beeinflusst haben: den vier Pianisten Billy Childs, Brad Mehldau, Les Chisnall und Russell Ferrante sowie dem brasilianischen Gitarristen, Komponisten und Pianisten Egberto Gismonti.
Stilistisch liegen diese fünf weit auseinander. In seinen Hommagen reagiert Simcock auf diese Unterschiede. Dennoch bleibt er stets er selbst; in der Art, wie er die Stücke aufbaut, ergeben sich jedoch Bezüge zur Musik der Geehrten. So können im dreisätzigen „Beautiful Is Our Moment“ die Wellenbewegungen der linken Hand als vager Bezug auf Billy Childs kraftvolle Grundierung verstanden werden; fernab von Childs Vorlieben überführt sie Simcock in schwelgerische Passagen. Ähnlich verhält es sich bei der Hommage an Egberto Gismonti in dem ebenfalls dreiteiligen „Many Worlds Away“: Auf den brasilianischen Gitarristen und Pianisten reagiert er vor allem mit zwischenraumreichen, entschleunigten, weit gespannten Melodiebögen und lichten Tonfolgen, lässt sich aber gelegentlich auch auf intensive Passagen ein. Für Brad Mehldau kontrastiert er in „Before The Elegant Hour“ agile Bewegungen der Linken mit scharf akzentuierten Linien der Rechten. Russell Ferrante vereint in seiner Fusion-Band „Yellowjackets“ angenehme, eingängige Motive mit vordergründiger Härte. Ähnliche Spannungszustände zwischen Gelassenheit und kraftvoller Energie kostet Simcock in dem Ferrante gewidmeten „Inveraray Air“ aus. Les Chisnall schließlich, ein eher unbekannter Londoner Pianist, scheint YouTube zufolge vor allem im Mainstream unterwegs zu sein. Ihm widmet Simcock eine leise, in sich ruhende Ballade.
Das Album umfasst folglich ein breites Spektrum von weiten, schwebenden Nummern über kraftvolle Rhythmen und verträumte Melodien bis zu dichten, ausdrucksstarken Clustern. Auch wenn Simcock einige Eigenheiten der Widmungsträger aufgreift, hält er gebührende Distanz und verzichtete darauf, diese zu kopieren oder deren Stile zu imitieren. Diese Eigenständigkeit macht das Album „Near and Now“ zu einem gelungenen, beeindruckenden Neuanfang nach dem Abschied von Pat Metheny.

Werner Stiefele, 04.05.2019



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