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Thema Prima

Aki Takase Japanic

BMC/Note 1 BMCCD268
(47 Min., 8/2018)

Wer an einer Kreuzung steht, hört viel. Jedes Auto hat seinen eigenen Rhythmus, seine eigenen Fahrgeräusche, seinen eigenen Klang. Daran erinnert „Traffic Jam“, das erste Stück auf Aki Takases Album „Thema Prima“. Da rasen die Töne aus dem Klavier der Bandleaderin, und der Saxofonist Daniel Erdmann, der Kontrabassist Johannes Fink und der Schlagzeuger Dag Magnus Narvesen sorgen dafür, dass der Strom intensiver wird oder ausdünnt, aber trotz des im Titel angekündigten Staus nicht stehen bleibt. Der Stiefsohn der Bandleaderin, der Berliner DJ Illvibe, verstärkt den Eindruck des Straßenverkehrs durch Samples und Elektronikgeräusche.
Das wirkt modern, das macht Spaß, und das folgende Titelstück „Thema Prima“ wird zur ebenfalls vergnüglichen Begegnung der DJ-Kunst und der tradierteren Instrumente. Dass hinter dieser wagemutigen Klangcollage eine 70-jährige Japanerin steckt, die schon seit 32 Jahren in Berlin lebt und zur europäischen Avantgardeszene zählt, würde wahrscheinlich niemand nach dem puren Hören vermuten. Eher würde man auf einen jungen, experimentierfreudigen Klangtüftler tippen, der in der Popmusik von heute verwurzelt ist, den Rockjazz der 1970er aber ebenso wie die aktuellen Klänge liebt. Mit „A Goldfish In Space“ verlässt das Quintett dieses Mix-Terrain zu Gunsten einer freieren Improvisation, und mit „Mannen i tårnet“ brechen die Free-Wurzeln der Bandleaderin durch. Sie führt einerseits einen knappen Dialog mit dem DJ-Equipment, lässt sich andererseits von der Band in groovenden Jazz einfangen, landet aber auch in bruchstückhaften Klangcollagen.
Das „Wüstenschiff“ dümpelt spannungsärmer zwischen Orientklischees, Tango und Collage, und in „Hello Welcome“ weicht die anfängliche Groove-Power einer Collage aus nebeneinander gestellten, wenig aufeinander bezogenen Ideen. Dies wirkt, als setzten sich Partygäste nur in Szene, redeten aber nicht miteinander. Der „Monday In Budapest“ entwickelt zwar einen kräftigen Puls, zerfasert aber zwischen Energie und Elektronikspielereien. Dafür entschädigt „Les constructeurs“, ein bezauberndes Duett von Takase und Erdmann, durch freundliche Melodien. Der zwischen free, Geräusch und Nostalgie pendelnde „Berlin Express“ spiegelt erneut das großstädtische Überlappen unterschiedlicher Hörquellen, bevor die Disc in „Madam Bum Bum“ mit Anklängen an Ragtime und Mainstream ausklingt. Das alles ist nach einer gewissen Dauer nicht mehr so spannend, wie es die ersten zwei Stücke waren. Je länger das Album läuft, desto stärker nutzt sich die Begegnung von Jazz, Geräusch, Freiheit, Strenge und DJ-Kultur ab. Was das alles mit „Japanic“ zu tun hat? Der Hinweis auf Aki Takases Herkunft wirkt vor allem wie ein Bekenntnis zur Vielfalt der Abstammungen in einer Metropole. Ein musikalisches Programm, etwa das Aufeinandertreffen von japanischer E-Musik, japanischem Pop und europäisch-amerikanischer Musikkultur ist nicht zu ahnen.

Werner Stiefele, 11.05.2019



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