Responsive image
Michael Nyman, Henry Purcell

„If“ (Songs, Stücke für Gambenconsort)

Iestyn Davies, Fretwork

Signum Classics/Note 1 SIGCD586
(68 Min., 5/2018)

Post-barock und bunt pumpte es seinerzeit los. Mit nimmermüden Rhythmen, luftigen Streicher- und Bläser-Girlanden, die eine perfekte Klangtapete bildeten zum barocken Puder- und Perückenkrimi „Der Kontrakt des Zeichners“ von Peter Greenaway. 1985 dann fuhr Michael Nyman für Greenaways surreale Evolutionsstory „Z mit zwei Nullen“ das Hochgeschwindigkeitsgetriebe gnadenlos runter. Bis nur jenes monotone Bass-Zucken übrigblieb, mit dem schon vor drei Jahrhunderten der Engländer Henry Purcell auf Notenpapier schneidende Eiseskälte versinnbildlichte. Aus welchen Kapiteln der Musikgeschichte sich Nyman auch bediente – seine minimalistischen und musterartig angelegten Retro-Sounds wurden zu seinem akustischen Markenzeichen.
Gerade hat Nyman seinen 75. Geburtstag gefeiert. Doch seinem einmal eingeschlagenen Modus operandi ist er bis zum heutigen Tag treu geblieben. Zumindest lässt sich das aus den jüngeren und jüngsten Werken schließen, die Nyman im Auftrag auch des englischen Gamben-Ensembles Fretwork komponiert hat. So entstand 2017 mit „Music After A While“ eine geschmeidig dahin gleitende Hommage an Purcell und speziell dessen Ode „Music For A While“. Ein Jahr zuvor, 2016, komponierte Nyman auf Texte eines englischen Barockdichters mit „No Time In Eternity“ einen Songzyklus für Countertenor, der die melancholische Klangseele mit dem Streichersound von einst sowie entspannten Rotationen der Minimal Music füttert. Gesungen wird das jetzt vom Engländer Iestyn Davies traumwandlerisch und makellos – wenngleich auch er nicht verhindern kann, dass diese erlesenen Slow-Motion-Kantilenen im Laufe des Albums doch allzu sehr ins Saccharinsüßliche umschlagen. So wie auch in dem bereits 1992 komponierten Vokalwerk „The Self-Laudatory Hymn Of Inanna and Her Omnipotence“, bei dem der eindringliche Ton gleich noch arienhaft überdreht zelebriert wird. Zum Glück aber garantieren zumindest Davies und Fretwork hier und da doch höchste Wonnen – etwa mit Arrangements der drei Purcell-Songs „Music For A While“, „Evening Hymn“ sowie „O Solitude“.

Guido Fischer, 11.05.2019



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Der Himmel hinter Mauern: Es mag ungewöhnlich aus heutiger Sicht erscheinen, dass eine Ordensschwester Arbeiten nachgeht, die sich nicht unmittelbar aus ihrem Dienst am Kloster ergeben zu scheinen, aber tatsächlich waren Klöster bis kurz vor der Reformation bereits blühende Orte der Konversation, der Kultur und der Künste. Chiara Margarita Cozzolani, eine im Mailänder Raum des 17. Jahrhunderts in eine wohlhabende Familie hineingeborene Frau, legte mit 18 Jahren ihr Gelübde bei den […] mehr »


Top