Zu den anstrengendsten Dirigenten-Aufgaben überhaupt gehört Beethovens Missa solemnis. Harnoncourt fürchtete sie. Furtwängler mied sie. Karajan dirigierte sie, konnte das Werk aus einer gewissen Panzerung und Steifheit aber kaum lösen. Wie man den Brocken flott bekommt, liegt eigentlich auf der Hand: Erleichterung der Gewichte! Und tänzerische Beschleunigung des Schritts.
Bei unter 70 Minuten Laufzeit beherzigt Frieder Bernius offenbar genau dies. Seine Aufnahme findet auf nur einer CD Platz – was freilich auch schon Haitink schaffte (Gardiner und Herreweghe sowieso). Die Losung: im Eilschritt zum Hochamt. Das mindert keineswegs den feierlichen Charakter, fällt nicht als Hektik oder Temposucht negativ auf. Liegt’s am Pfarrsohn Bernius oder am Aufnahmeort des Klosters Alpirsbach (bei Karlsruhe): Die goldene Mitte aus sakralem Ernst und innerer Bewegung trifft man traumwandelnd.
Die Gesangssolisten wachsen aus dem Schmelzklang instrumental hervor. Der Einfluss der historischen Aufführungspraxis zeigt sich nirgendwo deutlicher als im seidenzwirnigen Violinsolo des Benedictus (Sanctus). Kammerchor und Hofkapelle Stuttgart präsentieren sich auf voller Höhe ihres Könnens. Kurios bleibt, dass in der Sakralmusik die einstweilen besten Ergebnisse fast immer ‚crosskonfessionell‘ erzielt werden: Der Protestant Bernius triumphiert beim Katholen Beethoven, während die wichtigsten Bach-Interpreten fast immer papsttreu waren (Harnoncourt, Jacobs etc.). Musik ist eben doch die wahre Ökumene.

Robert Fraunholzer, 18.05.2019



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