Komplex ist die Geschichte des letzten von über 70 Musiktheaterwerken Gaetano Donizettis, das bis 2018 unbekannt geblieben ist – weil es schlicht nicht mehr vorhanden war. Acht Jahre hat eine britische Musikwissenschaftlerin gebraucht, um „L’ange de Nisida“ zu rekonstruieren, die erste originale Oper, die der Italiener 1839 für das formal ausdifferenzierte Pariser Musikleben komponierte. Da das Theater Pleite ging, fand die Uraufführung nicht statt.
Donizetti ließ aber nur höchst selten etwas verkommen: Die auf der Insel Nisida bei Neapel spielende Opera semiseria mit einer komischen Bassrolle und einem hohen Sopran wurde die inhaltlich ähnliche, nach Spanien verlegte Grand Opéra für Mezzo „La favorite“. Aufschlussreich ist hier einmal mehr der Einblick in die wie Copy & Paste funktionierende, hektische, aber effektive Kompositionsweise der Zeit. Man musste, je nach Operntyp, Formmodelle erfüllen. Ein Könner aber variierte und veränderte diese, verdichtete sie außerdem mit unverwechselbaren Melodien.
Gesungen wird hochsolide, an der Spitze das nicht zueinander kommende Liebespaar, dargestellt von der etwas schartigen Joyce El-Khoury und dem zunächst flach klingenden, sich aber zu steigern wissenden David Junghoon Kim. Vito Priante gibt mit baritonaler Beweglichkeit den für die komischen Momente sorgenden Berater Don Gusman, und Laurent Naouri ist bewährt bassschlank der König Ferdinand. Jetzt harrt der „Engel von Nisida“ nur noch seiner szenischen Weltpremiere – und die soll diesen Herbst beim Donizetti-Festival in Bergamo erfolgen.

Matthias Siehler, 25.05.2019



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