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Finding Gabriel

Brad Mehldau

Nonesuch/Warner 7559792635
(56 Min., 3/2017 - 10/2018)

Achtung! Wer sich angesichts Brad Mehldaus Synthesizer-Extravaganza „Taming The Dragon“ im Duett mit Schlagzeuger Mark Guiliana bereits irritiert zeigte, wird jetzt vom führenden Jazzpianisten seiner Generation noch härter auf die Probe gestellt.
Denn auf „Finding Gabriel“ geht Mehldau unter Zuhilfenahme des Elektro- und Akustikdrummers noch einen Schritt weiter. Nicht nur sein neuer polyphoner Synthesizer, der DSI OB-6, diente Mehldau als Inspiration, sondern auch die Bibel. Die hatte der Amerikaner aufmerksam in den vergangenen Jahren gelesen, vor allem die Propheten.
Und auch wenn Mehldau viel nonverbalen Chorgesang im Spannungsfeld von Bobby McFerrin, geistlichem Lied und Roomful of Teeth in seine Kompositionen verbaut hat und auch öfters Streicher und Bläser hinzunimmt, muss man keine Angst haben. Nach Sacro-Pop klingt „Finding Gabriel“, die Auseinandersetzung mit falschen Propheten und spiritueller Obdachlosigkeit in Zeiten von Fake News und Insta-Wahn, nämlich nicht.
Es wirkt vielmehr so, als habe man Daft Punk, Karlheinz Stockhausen und Keith Jarrett damit beauftragt, die Apokalypse in einem von Wes Anderson inszenierten Bibelspiel in einer ländlichen Kirche zu vertonen. Mal, wie im Fall von „Make It All Go Away“, könnten auch die französische Band Air, Burt Bacharach und Kate Bush ihre Finger mit im Spiel gehabt haben. Oder, etwa in „St. Mark Is Howling In The City Of Night“, Alban Berg und der Komponist der Serienmelodie von „Stranger Things“.
Das mag sich jetzt alles so schräg und comichaft anhören wie das bizarre Albumcover mit seinem dicken Trump-Engel oben links – aber Mehldau ist es bitterernst mit seinem elektroakustischen Sound-Armageddon. Seine Gastsolisten Ambrose Akinmusire, Joel Frahm, Kurt Elling und Becca Stevens erweisen sich wahlweise als streng mahnende oder zutiefst erzürnte Himmelsboten eines strafenden Gottes.
Auch wenn Mehldau in seiner Abrechnung mit dem US-Götzen der Gegenwart etwas zu plakativ wird (in dem hörspielhaften „The Prophet Is A Fool“ sind fanatisierte Trump-Anhänger und ihre „Build the wall“-Rufe zu vernehmen) – so bleibt festzuhalten: Mehldau, der in drei Stücken sogar als One-Man-Band an Synthesizern, Rhodes, Drums und Gesang auftritt, gehört zweifellos zu den mutigen Propheten, die musikalische Wagnisse dem ewig gleichen Trott vorziehen.

Josef Engels, 08.06.2019



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