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Arvoles

Avishai Cohen

Rykodisc/Warner 9029690188
(41 Min., 2 - 3/2019)

Wer weiß, wo Musikwissenschaftler in 50 Jahren das Gros der Stücke von Avishai Cohens Disc „Arvoles“ einordnen. Werden sie darin wegen der Vielfalt der Einflüsse eine Spielart des postmodernen Jazz sehen? Oder fassen sie das Album als Fortsetzung des coolen Jazzprinzips aus den 1950ern auf, wo penibel ausarrangierte Einleitungsteile die Ausgangsbasis für schaumgebremste Improvisationen boten? Mit einem Unterschied: Auf Avishai Cohens Album wirkt ein wesentlich höherer Prozentsatz komponiert und ein kleinerer Bruchteil improvisiert. Wird sie beeindrucken, dass sich auch die improvisierten Momente sehr eng in die strengen Formen einfügen? Werden sie das Album als kammermusikalisches Werk aus der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts sehen? Werden dann künftige Interpreten einzelne Stücke so notengetreu wie Klaviertrios aus der Zeit der Romantik aufführen?
Fragen über Fragen und eine klare Antwort: Das Album fällt aus den Schemata des gängigen Jazz. Schon das Eröffnungsstück „Simonero“ verblüfft durch den Mix aus vertrackten Rhythmen und einem stets durchspürbaren, eingängigen Thema. Als Klangergänzungen hinterlegten Björn Samuelsson und Anders Hagberg Flächen von Posaune und Flöte. Das Titelstück „Arvoles“ – so heißen in der romanischen Sprache der sephardischen Juden die Bäume – erinnert im scheinbar schlichten, melodiösen Dialog des Kontrabassisten Avishai Cohen und des Pianisten Elchin Shirinov sowie der dezenten Besenarbeit des Schlagzeugers Noam David an ein romantisches Kinderlied. Ähnlich verträumt klingen auch – mit Posaune und Flöte – „Gesture #2“, „Childhood (For Carmel)“ und die Trionummer „Nostalgia“. „Elchinov“ kreist um ein kleines Thema, in „Face Me“ kommt spätminimalistische Ohrwurmatmosphäre auf und „Gesture #1“ bringt die vielschichtigen Rhythmen zurück. Das Stop and Go des Rhythmus von „New York 90s“ kann man als programmmusikalischen Spiegel des ampelgeregelten Straßenverkehrs und der multikulturellen Atmosphäre in der Metropole auffassen, und „Wings“ als versöhnliche Rückschau auf den cool swingenden Jazz der 1950er.
Avishai Cohen hat die einzelnen Stücke des Albums im Lauf der vergangenen Jahre geschrieben – aber durch ihr kammermusikalisches Konzept haben sie auf keines gepasst. Ein Nachteil ist dies nicht, denn in ihrer Gesamtschau ergänzen sie das Bild des Kontrabassisten um eine neue Facette. Der Baum, der auf dem Cover abgebildet ist, hat neue Blätter bekommen, mit denen sich die Musikwissenschaftler künftiger Generationen beschäftigen können.

Werner Stiefele, 08.06.2019



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