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Peter Tschaikowski

Sinfonie Nr. 6 „Pathétique“

Berliner Philharmoniker, Kirill Petrenko

BPhR 190261, www.berliner-philharmoniker-recordings.com
(44 Min., 3/2017) Live-Aufnahme

Die erste gemeinsame Aufnahme der Berliner Philharmoniker mit ihrem neuen Chef: Geht doch! Die Vorfreude ist hörbar, die Stuhlkantenspannung enorm, und Kirill Petrenko hat – gottlob! – auch wahrlich etwas zu sagen bei seinem ersten Live-Auftritt nach der Nominierung. Geschärfte Kanten, blitzende Spitzen und ein unerhörter, geradezu aggressiver Drive frappieren. Und sie passen ins Bild einer auf Dynamisierung und Klangkomprimierung ausgerichteten Ästhetik des „sibirischen Stubentigers“ (wie Petrenko in Berlin genannt wurde).
Zur Analyse: Bei Tschaikowski wird das Problem der Pathetik, also der explosionsartigen Gefühlsteigerung, meist falsch gelöst. Wo der Komponist groß und tragisch aufdreht, da werden europäische (amerikanische) Orchester gern weich und schaumig. Diesem Kardinalfehler begegnet man bei Petrenko in keiner Sekunde. Wo Tschaikowski pathetisiert, wird Petrenko umso eisiger: unerbittlicher und kälter. Das hat er – als besessener Schallplattenhörer, der er ist – vom großen Jewgeni Mrawinski gelernt. Gepaart mit exquisiten Differenzierungskünsten der Berliner Philharmoniker kreiert er ein ungeahntes Hörerlebnis. Vielversprechender als mit dieser zum Frontalangriff übergehenden „Pathétique“ hätte Petrenko kaum beginnen können.
Mit nur 44 Minuten ist die CD sehr kurz. Die Aussteuerung ist ein wenig radikal, so dass man die Lautstärke gelegentlich nachregeln muss. Warum das Label der Berliner Philharmoniker immer noch an dem sperrigen Querformat festhält, das in kein Regal passt, wissen die Götter. Wie dem auch sei, hier ist dem Orchester-Label seine erste, historisch überragende Aufnahme gelungen. Im Booklet billigt selbst der hyperkritische Petrenko der Aufnahme eine „dokumentarische Bedeutung“ zu. Als Momentaufnahme. Von solchen Schnappschüssen können wir mehr vertragen.

Robert Fraunholzer, 08.06.2019



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Kommentare

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gemihaus
Mag sein, dass der nach Fraunholzer "sibirische Stubentiger" Petrenko dem Sentiment Tschaikowskys nähersteht, als dem aufgeklärt-revolutionärem Pathos eines Beethoven. Jedenfalls kommt seine höchst engagierte Darstellung dieser autobiographischen 'Pathetique' nicht über Mravinsky, Toscanini oder Mitroupulos hinaus, trotz aller überlegenen, audiophil dynamisierten Tontechnik. Meines Erachtens war Petrenkos B-Phil-Einstand mit Beethovens Siebenter und Straussens Tondichtungen weitaus eindrucksvoller. Über Musikgeschmack respektive musikalisches feeling lässt sich trefflich streiten, jedoch nicht über die musikalische Grösse einer Komposition.




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