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When Will The Blues Leave

Paul Bley, Gary Peacock, Paul Motian

ECM/Universal 7740423
(56 Min., 3/1999)

Es gab Zeiten, da empfanden gestandene Jazzfans den Begriff „Free Jazz“ als Warnsignal. Heute ist er eher ein Qualitätsbegriff – einerseits, weil sich die freien Improvisationen inzwischen häufig zu luftigen, feingliedrigen Klängen formen und andererseits, weil sich die Hörgewohnheiten angepasst haben und der Verzicht auf durchmarschierende Beats nicht mehr wie ein Protest zu einer verhärteten autoritären Gesellschaftsauffassung wirkt, sondern stattdessen die zwischenzeitlich im gesellschaftlichen Mainstream angekommene, liberale Weltsicht der Gegenwart reflektiert.
Eine Sternstunde des offenen, freien Spiels war im März 1999 ein Konzert in der Aula Magna von Lugano. Paul Bley, in den 1960ern ein Pionier des freien Spiels, hat mit dem Kontrabassisten Gary Peacock und dem Schlagzeuger Paul Motian zwei Gesinnungsfreunde neben sich, die sich nach den ersten vierzig Sekunden des Auftritts einen Spaß daraus machen, sein Angebot zur Fortentwicklung dieser kraftvollen Einleitung fortzusetzen, mit völlig anderen, filigranen Mustern zu beantworten: Man braucht keinen, der etwas vorgibt. Lieber führt man mit den Tönen eine Unterhaltung, stoppt sich, schlägt eine Wende vor und schafft es nach wenigen Sekunden, diese widersprüchlichen Elemente zu einem herrlichen, zu „Mazatlan“ genannten Trialog zu vereinen. Schon nach einer Minute gibt es keinen mehr, der den anderen etwas vorgibt. Ab jetzt kommunizieren drei Gleiche auf Augenhöhe, greifen Wendungen der anderen auf, führen diese fort oder beantworten sie mit eigenen.
Das nach so kurzer Zeit gewonnene innere Gleichgewicht hält sich in den folgenden acht Stücken. Die meisten dieser Themen wurden zuvor schon in anderen Besetzungen ausprobiert. Das ändert nichts daran, wie herzerquickend frisch sie in jenem Konzert wirken. Sie liefern sich aufregende Hetzjagden, sie träumen gelassen vor sich hin, sie öffnen sich kurze Solo-Freiräume, sie bieten Ansatzpunkte für Wiedereinstiege, sie nutzen diese oder lassen die Gelegenheit sausen: So bleiben die freien Improvisationen spannend. Paul Motian, ohnehin kein strammer Timekeeper, aber mit perfektem Gefühl für die innere Struktur der Takte, gibt Peacock und Bley oft entscheidende Hinweise, wohin sie ihre Gedanken lenken könnten. Ebenso rasch reagiert er auf alles, was um ihn herum geschieht.
Fünf Themen stammen von Bley, eines von Peacock. Von Ornette Coleman, dessen Platte „Free Jazz“ einst einer Bewegung zur Erweiterung des Jazzvokabulars den Namen gab, haben sie das Motiv von „When Will The Blues Leave“ entlehnt. Das kann dauern. Vor allem, wenn er so variantenreich und melodieverliebt wie von diesen dreien gespielt wird. Das abschließende Klaviersolo über George Gershwins „I Loves You, Porgy“ offenbart, wie der Free-Pianist der ersten Stunde in der dezent swingenden Pianotradition verwurzelt ist. Wunderbar, dass das Konzert 1999 vom Schweizer Radiosender RSI so transparent aufgezeichnet wurde, wie es dem Charakter dieser freien, kommunikativen Musik entspricht.

Werner Stiefele, 15.06.2019



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