Für jene, die Calixto Bieitos Arbeiten kennen, ist dieser "Don Giovanni" "business as usual". Und doch verglichen mit den jüngsten Inszenierungen des Regisseurs eher harmlos bis brav. Natürlich treibt es Giovanni mit Anna auf dem Rücksitz seiner Limousine. Natürlich ist sie eine Sex besessene Zicke, die ganz genau weiß, wem sie an die Hose geht. Natürlich ist der Don nicht maskiert. Also muss sie ihn wenige Nummern später auch nicht als den Mörder ihres Vaters erkennen. Wer den getötet hat, ist ihr von Anfang an klar. Um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen, dass sie an Papas Ende indirekt mitschuldig ist, stempelt sie Giovanni zum Übeltäter ab und erfindet für Ottavio die Story von der keuschen Anna, die nachts vom maskierten Vergewaltiger überfallen wird. Der entscheidende Grund dafür, dass sie ihn des Mordes bezichtigt, liegt indes woanders: Giovannis Interesse für Anna ist bereits abgekühlt. Die nicht mehr Begehrte rächt sich. Willkommen in Donna Elviras Club der Verlassenen. Wie immer variiert Bieito die Biografien der Figuren, gibt ihnen andere, neue Deutungen, Richtungen. So wirklich neu ist vieles davon allerdings nicht. Vieles zählt seit Peter Sellars "Don Giovanni"-Produktion längst zu den bekannten Versatzstücken "moderner" Interpretationen des Stücks. Die Besetzung spielt sich wund und singt auch noch gut, vor allem Veronique Gens (Donna Elvira), Regina Schörg (Donna Anna) und Kwangchul Youn (Leporello).

Jochen Breiholz, 23.06.2006



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