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Heinz Holliger, György Kurtág

Zwiegespräche

Heinz Holliger, Marie-Lise Schüpbach, Sarah Wegener, Ernesto Molinari, Philippe Jaccottet

ECM/Universal 4818265
(75 Min., 8/2017, 6/2018)

„Ich kann gar nicht ohne Musik sein“, hat einmal Heinz Holliger gestanden. „Mein Kopf funktioniert gar nicht ohne Musik.“ Wer so nach der Devise „Sempre la musica“ lebt, arbeitet und atmet wie Holliger, der kann nicht nur auf ein umfangreiches Schaffen zurückblicken. Der Schweizer gehört mit vielleicht nur noch Helmut Lachenmann zu ganz wenigen Komponisten, die selbst auf dem Gebiet der Oper keine kompositorischen Wagnisse und Herausforderungen scheuen und dabei trotzdem vom Publikum höchsten Respekt entgegengebracht bekommen. So zählt etwa seine 1998 uraufgeführte Oper „Schneewittchen“ zu den bahnbrechendsten jüngeren Gattungsbeiträgen, die zugleich vielfach aufgeführt werden. „Das Wichtigste beim Komponieren ist, dass man Intellekt und Emotion nicht voneinander trennt“, lautet Holligers (enorm anspruchsvolles) Erfolgsrezept.
Gerade hat der großartige und nimmermüde Oboist, Dirigent und eben Komponist seinen 80. Geburtstag gefeiert. Zu diesem Anlass hat ihm das Münchner ECM-Label, das längst zum wertvollen Partner Holligers geworden ist, ein besonderes Aufnahmegeschenk gemacht. Unter dem Titel „Zwiegespräche“ wurde die jahrzehntelange Freundschaft zwischen den beiden ehemaligen Sándor Veress-Kompositionsstudenten Heinz Holliger und György Kurtág mit einem kammermusikalischen Miniaturbogen besiegelt. Den Großteil des Programms nehmen Solo- und Duo-Stücke für Oboe bzw. Englischhorn sowie Klarinette ein, mit denen Holliger und Kurtág immer wieder auch auf biografische Einschnitte reagierten (2014 etwa schrieb Kurtág ein Abschiedsstück auf Holligers Gattin Ursula). In ihrer konzentrierten, eindrücklichen und doch so ungemein magisch ausschwingenden und nicht selten ins poetisch Zarte umschlagenden Tonsprache offenbart sich darüber hinaus eine Klangseelenverwandtschaft, bei der bisweilen die musikalischen Identitäten zwischen dem Jubilar und dem ungarischen Altmeister verschwimmen. Neben auch musikalischen Gedenk- und Erinnerungstafeln, die Kurtág Freunden und Weggefährten wie Elliott Carter und György Kroó gewidmet hat, kommt es auch zu „Zwiegesprächen“ zwischen dem Komponisten Holliger und den vom schweizerisch-französischen Dichter Philippe Jaccottet eingelesenen Gedichten. Und ganz zum Schluss begegnet man mit der Oboen-Sonate einem Frühwerk Holligers, das trotz seiner Satzbezeichnungen wie „Präludium“ und „Capriccio“ so gar nicht retrospektiv, sondern ungemein heutig daherkommt. Was natürlich auch an dem weiterhin phänomenalen Solisten Holliger liegt.

Guido Fischer, 22.06.2019



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