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Welf & Eiger

Coastline Paradox

col legno/Naxos COL16007
(53 Min.)

Schon gewusst? Je genauer man eine Küstenlinie misst, desto länger wird sie – sie strebt gewissermaßen gegen unendlich. Diese faszinierende Gleichzeitigkeit von Beschränkung und Weite ist auch das ästhetische Konzept des deutsch-italienisch-österreichischen Quintetts, das sich nach dem mathematischen Phänomen des „Küstenlinien-Paradoxons“ benannt hat.
Die aus der Feder des Trompeters und Flügelhornisten Richard Köster stammenden Kompositionen der in Bern eingespielten Debütaufnahme vereinigen diverse Widersprüche. Bewegung und Stillstand prallen immer wieder aufeinander. Auf der einen Seite sind da die klar konturierten Linien der Rhythmusgruppe, die mal aus abstrakt mäandernden Tonfügungen wie im Opener „Bar? Ok!“, scharf konturierten Figuren mit Latin-Einschlag („Die Weiche“, „Colonel Grefsen“) oder auch nur aus einer insistierend wiederholten einzigen Note bestehen („Trist sel“).
Über diesen bewegten Untergrund von Pianist Felix Römer, Bassist Marc Mezgolits und Schlagzeuger Valentin Duit lässt Köster gemeinsam mit Saxofonist Damian Dalla Torre somnambule Bläsersätze schweben. Sie klingen wahlweise wie in Auflösung begriffene Wolken, der Schluckauf eines Hornissenschwarms oder wie im Halbschatten dösende Wildtiere nach einer üppigen Mahlzeit.
Dass der am Chiemsee geborene Bandleader derzeit in Oslo lebt, meint man aus seinem nordisch wattig geblasenen Hornspiel heraushören zu können. Doch wenn es am skandinavischsten zuzugehen scheint wie im Albumabschluss „Trist sel“, der mit einem langen erfindungsreichen Trompetensolo beginnt, verwandelt sich das Quintett unversehens in ein unter Drogen gesetztes Orchester aus dem Balkan. Um schließlich von vielfach ineinander verhakten Glockenspiel-Melodien abgelöst zu werden, die E-Bassist Mezgolits als Improvisationsgrundlage dienen. Weich, hart, dicht, licht – ein wahrlich paradoxes Vergnügen.

Josef Engels, 22.06.2019



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