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Tunnel Visions

Ark Noir

Enja Yellowbird/Edel 1077932EY1
(46 Min.)

Ist München etwa das neue Weilheim? Wie zur Jahrtausendwende, als eine Reihe von eng miteinander verbandelten Formationen in der oberbayrischen Provinz der improvisierten Musik und dem Rock neue elektronische Impulse verliehen, arbeitet gerade in der Landeshauptstadt eine neue Generation am Jazz 4.0.
Etwa die in einem Techno-Club als Hausband engagierte Jazzrausch Bigband, die in der Süddeutschen Zeitung als „die aktuell wahrscheinlich erfolgreichste Bigband überhaupt“ bezeichnet wird. Auch das Quintett Ark Noir, das von dem Saxofonisten Moritz Stahl und dem Bassisten Robin Jermer gegründet wurde, ist Teil dieses Kosmos. Doch anstelle des Techno-Rauschs dominieren bei der von Gitarrist Tilman Brandl, Keyboarder Sam Hylton und Schlagzeuger Marco Dufner komplettierten Gruppe düster pulsierende Klangerzählungen.
Was den Weilheim-Bezug angeht: Vor allem, wenn Saxofonist Stahl seine feinnervig-melancholischen Melodiefragmente in unwirklichen Hallräumen über ein tieffrequentes Fundament aus Bass, Beats und elektronischem Zirpen haucht, fühlt man sich unweigerlich an Johannes Enders' Projekt Enders Room und an den Soundfrickler Console erinnert.
Sollten sich dank Brandls angejazzrockten Umgangs mit der E-Gitarre Vergleiche mit Eivind Aarset und der Fusion-Musik der frühen Tage aufdrängen, so gleitet die dunkle Arche dennoch dezidiert durch die Gegenwart. Dazu benutzt Ark Noir Elemente des Trap, die sich in schlurfenden Rhythmen, subsonischen Bässen oder klangmodifizierten Stimmen manifestieren (etwa im Auftritt von Sängerin Hannah Weiss im Stück „Weightless“), oder lässt Verweise auf die genredehnenden Arbeiten von Donny McCaslin oder Flying Lotus erkennen.
So digitalisiert und technoid diese Musik für eine postapokalyptische Bar am Ende des Universums auch zunächst klingen mag – sie lässt stets unter den Klangmanipulationen das echte Instrument durchscheinen. Und so erweist sich die „Tunnel Vision“ des Quintetts als Zeitreisentunnel zu den frühen Overdub-Versuchen eines Lennie Tristano, dessen „Turkish Mambo“ aus dem Jahr 1955 Pate stand für die Komposition „Arkomplex“ der jungen Münchner. Wie bei Tristano wird die Technik nicht als Selbstzweck begriffen, sondern als Erfüllungsgehilfe für mitreißende musikalische Visionen.

Josef Engels, 29.06.2019



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