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The Rocket

Martin Tingvall

Skip Records/Soulfood SKP9167
(56 Min., 3/2019)

Eine Rakete geht ab. Das macht zwar keiner der Titel auf Martin Tingvalls Soloalbum „The Rocket“. Wohl aber hat der Pianist vierzehn Titel in den Orbit geschossen, die nun Satelliten gleich um ihre Themen kreisen. Fast schwerelos fliegen sie dahin und öffnen – den Filmaufnahmen aus dem Weltall durchaus ähnlich – den Blick auf helle und dunkle Flecken, auf Wälder, Seen, Wüsten. Das Kleinteilige, die Unruhe der Metropolen und der alltägliche Stress der Digitalgesellschaften bleiben bei diesen selbstgenügsamen, weltentrückten Flügen ausgespart.
Wer das Tingvall Trio kennt, muss umdenken. In den Konzerten gibt es zwar auch meditative Momente als Unterbrechung im Sog der differenzierten Motorik. Ohne Kontrabass und Schlagzeug an seiner Seite spielt Tingvall wesentlich ruhiger, gefasster und introvertierter, wobei die kristallklare Aufnahme aus dem Arte Suono Studio von Stefano Amerio im italienischen Udine den intimen Eindruck intensiviert.
Einfache und klare Themen hat er zu der zweitägigen Aufnahmesession mitgebracht. Diese deuten seinen Horizont zwischen der singbaren Melodik von Volksliedern, der musikalischen Romantik, aber auch des Minimalismus und Rockballaden an. Er begleitet seine Themen mit kraftvoll in die Tasten gedrückten oder mit zart hingetupften Akkorden. Mal drehen sich die Variationen wie „Echoes From The Past“ scheinbar im Kreis, mal unterlegt er ihnen wie bei „In Motion“ ein fast minimalistisches Ostinato. Oder sie sind wie „Piano Man“ von kräftigen Grooves geprägt, in denen eine Beschäftigung mit Keith Jarrett hörbar wird. Im Gegensatz dazu erinnern die tastenden Bewegungen in „First Steps“ an den verträumten Blick eines Vaters auf die ersten Schritte seines Kindes, während die Wellenbewegungen der rechten Hand in „Floating“ wie ein akustisches Abbild eines glitzernden Wasserlaufs wirken.
Sanft und unaufdringlich kommen die vierzehn Stücke daher. Sie schmeicheln sich angenehm ins Ohr, und die Melodien bleiben eine Zeitlang im Gedächtnis haften. Jedes einzelne von ihnen ist ein musikalisches Kleinod, das für sich stehen kann. Andererseits strahlt die gesamte Disc auch eine derart beruhigende Atmosphäre aus, dass man im Lauf der Zeit die Augen schließen und sich mit den eigenen Gedanken auf eine Traumreise begeben kann.

Werner Stiefele, 29.06.2019



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