Historischen Programmen begegnet man vor allem im Alte-Musik-Bereich: Das „Nachstellen“ von festlichen venezianischen Vespergottesdiensten der Spätrenaissance oder von Kammerkonzerten am Hofe irgendeines Königs war in der Originalklang-Szene eine Zeit lang in Mode. Mit dem vorliegenden Doppelalbum präsentiert nun Ragna Schirmer etwas Vergleichbares auf der Basis von originalen Quellen des 19. Jahrhunderts, allerdings ohne Beteiligung historischer Instrumente: Sie wählte aus über 1.300 dokumentierten Konzertauftritten Clara Schumanns, die sie im Schumannhaus in Zwickau einsehen konnte, zwei besondere Konzertereignisse aus und rekonstruierte die weitestgehend überlieferten Programmfolgen dieser beiden Konzerte für dieses Album. Das erste der Konzerte fand am 8. März 1847 in Berlin statt. Fanny Hensel, die nur wenige Wochen später überraschend sterben sollte, war im Publikum, eines ihrer Lieder war Bestandteil des Programms, das mit Robert Schumanns frisch komponiertem Klavierquartett Es-Dur op. 147 begann und mit Clara Schumanns Klaviertrio g-Moll endete. Das zweite der für diese CD rekonstruierten Konzerte ging am 15. Februar 1872 im englischen St. Leonards-on-Sea über die Bühne: Die mittlerweile 52-jährige Clara Schumann, unter fortgeschrittenen rheumatischen Beschwerden leidend, spielte hier eines der wenigen Soloprogramme ihrer langen Karriere, beginnend mit Beethovens Waldstein-Sonate und endend mit einer Gavotte von Gluck, bearbeitet von Claras lebenslangem Freund Johannes Brahms.
Allein dieses Setting ist bewegend und bietet jedem zeit- und kulturgeschichtlich Interessierten eine Menge Anknüpfungspunkte und Stoff zum Nachdenken. Aber freilich wäre das alles nichts, wenn die interpretatorische Qualität nicht stimmte. Doch auch in diesem Punkt bleibt sich Ragna Schirmer treu: Gemeinsam mit ihren Kammermusikpartnern bietet sie alleshöchstes Niveau, zu bestaunen etwa gleich in Schumanns Klavierquartett Es-Dur, dessen herzzerreißend schöner langsamer Satz so oft zum Kitsch gerät, hier aber mit wohldosiertem Schmelz zu einem poetischen Kleinod wird. Großartig auch die edle, durchdachte und hochdifferenzierte Wiedergabe der Waldstein-Sonate, um pars pro toto ein weiteres Glanzlicht aus diesem Album zu nennen – diese Veröffentlichung ist von der Idee bis zur Ausführung ein echter Coup.

Michael Wersin, 29.06.2019



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