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The Music Never Stops

Betty Carter

Blue Engine/Galileo BE0014
(76 Min., 3/1992)

Fantastisch! Betty Carter zählte einfach zu den größten Jazzsängerinnen der Geschichte! Wer es nicht glaubt, sollte unbedingt den Mitschnitt ihres Konzerts vom 29. März 1992 im New Yorker Lincoln Center hören. Der Abend war auch für sie ein Highlight, denn die Veranstalter boten der damals 63-jährigen Sängerin die Möglichkeit zu einem umfassenden Porträt mit Bigband, Combo und Streichern. Diese Chance nutze sie – und wie! Sie scattete. Sie artikulierte jede Silbe mit dem ihr gebührenden Gewicht, und dabei klingen aus jedem Song die Lebenserfahrung, Weisheit und der abgeklärte Humor einer Sängerin, die trotz ihrer Klasse nie den Superstar-Status einer Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan oder in moderneren Zeiten Diana Krall oder Norah Jones erreichen konnte.
Sie war zu gut. „I want serious but also I want you to smile. And I want you to laugh! I want the whole thing, the whole thing“ wird sie zwar im Booklet zitiert – aber für das breite Publikum waren ihre Auftritte durch ihre Herkunft aus dem Bebop zu sperrig. Sich einfach treiben zu lassen, war bei ihren Konzerten unmöglich – auch beim nach Jahrzehnten aus dem Archiv geholten Mitschnitt von 1992.
Ihre Stimme fordert Aufmerksamkeit – und dies bei einem von Swing durchdrungenen Programm. Sie erinnert den Partner an die „30 Years“, die sie zusammen verbracht haben und bittet ihn, sie nicht zu verlassen, auch wenn die andere jünger ist. Wie sie singt, klingt weder abgedroschen noch weinerlich, wohl aber überlegt und von der Hoffnung geprägt, sie könne den untreuen Mann halten. Ein fünfzehnminütiges Medley aus „Why Him“, „Where Or When“ und „What’s New“ folgt: Clubsongs, von einem Quartett um den Pianisten Cyrus Chestnut souverän begleitet.
Ähnlich wie Art Blakeys Jazz Messengers waren die Bands von Betty Carter eine erstklassige Ausbildungsstation für junge Musiker. Die Pianistin Geri Allen reifte bei ihr, die sie bei „If I Should Lose You“ mit Feingefühl begleitet, außerdem die in das Konzert eingebundenen Schlagzeuger Greg Hutchinson und Clarence Penn sowie Pianist Chestnut. Sie lassen ihr Raum, sie unterstützen, sie setzen Akzente, gestalten Breaks und untermalen höchst aufmerksam.
Die Bigband-Arrangements sind ähnlich perfekt auf die Sängerin und ihre Texte abgestimmt. Für sie wurden zurückhaltende Pastelltöne geschrieben, die Betty Carters Stimme in wechselnde Klangbilder setzen und vordergründige Zurückhaltung mit abwechslungsreicher Klanggestaltung vereinen. Dadurch wird sogar eine schon tausendfach gesungene Ballade „Moonlight In Vermont“ zur sehnsuchtsvollen Betrachtung einer Landschaft. Bei den zwölf Gesangstiteln schafft Betty Carter einerseits Nähe, und doch bleibt sie ohne den geringsten Hauch von Anbiederung ihrer Bühnenrolle als reife, ältere, über die Fährnisse des Lebens erhabene Frau treu. Ein wunderbares Konzert, eine großartige Sängerin. Das Eingangsstatement bleibt: fantastisch.

Werner Stiefele, 06.07.2019



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