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Come Closer

Diego Figueiredo

Stunt Records/in-akustik 03719032
(46 Min., 1-3/2017)

Es ist nicht überliefert, ob Diego Figueiredo seine überragenden Fähigkeiten durch ähnlich exzessives Üben im Badezimmer erworben hat wie João Gilberto. Sicher ist aber, dass der Brasilianer über vergleichbar blitzsaubere Qualitäten im Umgang mit Songs wie der jüngst verstorbene J. D. Salinger der Bossa Nova verfügt.
Die Aufnahme „Come Closer“ liefert dafür lauter federleicht schwebende Belege. Mit der Ausnahme des volksliedhaften „Sexta Fiera“ und des Standards „Like Someone In Love“, die Figueiredo beide im Alleingang interpretiert, besteht das Album aus Duetten mit drei Sängerinnen.
Die Französin Cyrille Aimée macht den Anfang mit verspielten und lasziven Versionen von „I Could Have Danced All Night“ oder „Whatever Lola Wants“. Die junge Italienerin Chiara Izzi sorgt für einen runden Abschluss mit einer sehnsuchtsvollen Lesart von „Moon River“ und einer überraschenden Überarbeitung der Miles-Davis-Nummer „Nardis“, mit portugiesischen Lyrics und einer bewussten Vertiefung des orientalischen Anteils der Melodie.
Die ungezwungenste Zeit verbringt der stets aufmerksame und mit fantasievollen akkordischen Wendungen aufwartende Begleiter an der akustischen Gitarre mit der Dame dazwischen: der Manhattan-Transfer-Legende Janis Siegel. Die singt Stücke wie Antonio Carlos Jobims „Dreamer“ oder „One Note Samba“, die sich auch schon Gilberto – freilich ganz anders – zu eigen gemacht hatte.
Siegels jazzgetränkte Wärme und ihr Mut, Risiken einzugehen (beim etwas krummen Einstieg in ihr Scat-Solo in „One Note Samba“ muss sie selbst kurz lachen), übertragen sich auf Figueiredo. Er soliert pointiert, lässt Effekte wie perkussives Saitenschaben einfließen oder bringt sein Instrument auch mal zum mutwilligen Juchzen. Die große Dame des Vocaljazz und der Brasilianer kommen sich im Spannungsfeld zwischen Great American Songbook und Bossa Nova auf „Come Closer“ wahrhaftig nah.

Josef Engels, 27.07.2019



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