Responsive image

The Long Game

Liam Noble

Edition Records/Membran EDN1129
(58 Min.)

„The Long Game“ hat der britische Pianist und Keyboarder Liam Noble seine erste Aufnahme für Dave Stapletons Label „Edition Records“ genannt. Und einen langen Atem, wie der Albumtitel suggeriert, hat Noble wahrlich bewiesen. Schon seit 20 Jahren ist er – unter anderem an der Seite von Stan Sulzman oder Ingrid Laubrock – ein wichtiger Bestandteil der britischen Jazzszene. Jetzt aber, mit Schlagzeuger Seb Rochford und Bassist Tom Herbert, hat Noble offenbar seine Traumbesetzung gefunden.
Die beiden Musiker, die sich als Rhythmusantreiber von hippen britischen Jazzformationen wie Acoustic Ladyland oder Polar Bear einen Namen gemacht haben, bringen die perfekten Voraussetzungen für Nobles herrlich schizophrene Kompositionen mit. Denn Songs wie „Rain On My Birthday“, „Head First“ oder „Pink Mice“ sind in Zwischenwelten angesiedelt. Einerseits leben sie von den lakonischen Grooves der Vergangenheit, wie man sie vom Funk- und Rockjazz der späten 1960er und mittleren 1970er her kennt. Andererseits werden sie mutwillig durch den elektroakustischen Fleischwolf gejagt.
Gerne benutzt der zwischen Keyboard, Verfremdungssoftware und Klavier hin- und herspringende Noble dazu bewusst verstimmte Sounds oder naturhafte Geräusche. Im satiehaften „Between You and Me“ zetert dann ein Robotervogel, während Androidenzikaden zirpen. Im Solo des punkigen „Head First“ gewinnt man den Eindruck, dass Rick Wakeman von Außerirdischen entführt worden sein muss, die kranke Experimente mit der Progrock-Legende anstellen.
Mag man über den mürrisch sich dahinschleppenden „Head of Marketing“ grinsen (Noble hat offenbar keine sonderlich guten Erfahrungen mit der Welt der Musikvermarktung gemacht), so wird man vom „Unmemoried Man“ nachhaltig verstört. Das dem Hirnforscher und Schriftsteller Oliver Sacks gewidmete Stück verursacht beim Hörer Schwindel, indem eine von Thelonious Monk geborgte Phrase beständig zwischen dem linken und rechten Stereokanal wandert und mit unterschiedlichem Rauschen unterlegt wird.
Noble wurde schon mit Django Bates oder Paul Bley verglichen. Aber mit „The Long Game“ hat der beharrliche Brite gewissermaßen ein neues Genre erfunden: den Neuro-Jazz.

Josef Engels, 03.08.2019



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Ahnengalerie: Im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man es schon schwer als Komponist. Mozart, Beethoven, Schubert – übermächtig liegt auf allen Gattungen der Glanz der Heroen, die den klassischen Kanon geschaffen hatten. Was kann man dem noch hinzufügen? Johannes Brahms, dem man oft melancholisches Zaudern unterstellte, setzte sich in Wirklichkeit besonders lange und eingehend mit diesen Vorbildern auseinander, bevor er seinen Beitrag stimmig empfand. So ist sein Werk […] mehr »


Top