Nach Ragna Schirmers Adaption zweier originaler Clara-Schumann-Konzertprogramme erneut eine sehr interessante Hommage an die vor rund 200 Jahren geborene Pianistin und Komponistin: Yaara Tals Auseinandersetzung mit Clara Schumann überzeugt zunächst durch ihr treffliches Konzept, beginnend mit dem Faktum, dass sie hier nicht als Duo-Partnerin von Andreas Groethuysen, sondern allein im Vordergrund steht. Sie präsentiert im ersten Teil des Programms einer Reihe von Werken, in deren Zentrum Claras Romanzen op. 11 stehen, welche sie 1839, also noch vor der Hochzeit, ihrem späteren Ehemann widmete. Flankiert werden diese Werke einerseits von einer Komposition Julie von Webenaus, die man modernerweise vielleicht als „Groopie“ Robert Schumanns bezeichnen könnte, andererseits von drei Préludes des einstigen Robert-Schumann-Schülers Theodor Kirchner, mit dem Clara zeitweise in engerem, allerdings problematischem Kontakt stand.
Im zweiten Teil des Programms tritt zunächst Andreas Groethuysen als Interpret hinzu, und man hört das bewährte, faszinierend perfekt aufeinander eingespielte Klavierduo mit Johannes Brahms‘ „Variationen über ein Thema von Robert Schumann“ op. 23. Den Abschluss bildet das wohl spektakulärste Stück des Programms: Brahms‘ berühmte Altrhapsodie ist bekanntermaßen eine bittersüße Brautgabe von Brahms an die von ihm verehrte Schumann-Tochter Julie zu deren Hochzeit. Yaara Tal hat sich gefragt, warum vor diesem Hintergrund wohl eine Frauenstimme den ausgedehnten Klage-Part innehat, getröstet im letzten Teil von einem Männerchor. Sie hat daraufhin ihre Vision umgesetzt, die Geschlechterrollen zu vertauschen: Wir hören hier in einer Bearbeitung Julian Prégardien als Solisten mit den Frauen des BR-Chores als Vokalensemble, begleitet von Yaara Tal nach dem eigenen Klavierauszug von Johannes Brahms. Diese Fassung hat freilich keinerlei historische Relevanz, und besonders wer Kathleen Ferriers hochexpressive Versionen des Soloparts kennt, wird sich zunächst sehr an Prégardiens leichtgängige Tenorstimme in dieser Rolle gewöhnen müssen. Auch fehlen natürlich die markanten orchestralen Farben des Originals. Aber im letzten Teil geht die Rechnung doch noch ein wenig auf: Hier ummanteln die engelsgleichen Frauenstimmen den leidgeplagten Protagonisten auf durchaus überzeugende, erhebende Weise. Yaara Tal hat mit dieser CD eine sehr persönliche Clara-Schumann-Hommage kreiert – nicht nur mit ihrer Bearbeitungsidee, nicht nur mit der intelligenten Auswahl wenig bekannter Werke für den ersten Teil, sondern vor allem auch durch ihr großartiges solistisches Klavierspiel ebendort, mit dem sie ihre Programmidee erstklassig zu vermitteln versteht.

Michael Wersin, 10.08.2019



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