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Timeprints

Musina Ebobissé Quintet

Double Moon/in-akustik 05712639
(56 Min., 7/2018)

Wie klingt Berlin? Dieser Frage geht der aus dem Elsass stammende Tenorsaxofonist Musina Ebobissé auf seinem Debütalbum nach. Seit einigen Jahren lebt der Sohn einer Französin und eines Kameruners in der deutschen Hauptstadt, wo er seiner Jazzausbildung den letzten Studienschliff verpasste.
„Timeprints“ macht deutlich, dass sich der 29-Jährige beim Schreiben seiner Quartett-Kompositionen nicht von der oberflächlichen Hektik der wohl niemals fertig werdenden Stadt anstecken ließ. Ebobissé nimmt vielmehr konzentrierte Tiefenbohrungen vor, um verschiedene Zeitschichten freizulegen.
Das Alte liegt leicht verschoben unter dem Neuen – so klingen jedenfalls die zweistimmigen Themen, die der Tenorsaxofonist für sich und die Altsaxofonistin Olga Amelchenko geschrieben hat. Pianist Povel Widestrand und Bassist Igor Spalatti legen krumme Ostinati wie die Gehwegschäden im Osten der Stadt unter die tonalen Wendungen, die Ornette Coleman mit vorsichtigen Schritten nachspüren. Schlagzeuger Moritz Baumgärtner raschelt und rockt, lässt das Metall zischen und sirren. Er kann auch, siehe das Stück „Fall“, wie ein Berliner Herbststurm klingen, fahl, bockig, zum Schluss dann auch gnadenlos.
Auch wenn ihm mit „Hairsplitting“ ein wunderbar nerviges Porträt der Gesprächskultur in der deutschen Hauptstadt gelingt (motzig und immer ein bisschen beleidigt), sucht Ebobissé mit seinem vollen warmen Ton in erster Linie die Schönheit in der Dissonanz. Der späte Charles Lloyd und der mittlere John Coltrane sind seine Referenzpunkte, wie das dem afrikanischen Elefanten gewidmete „Loxodonta“ zeigt. Und wenn er zum Schluss ganz allein den „Eagle Song“ des russischen Komponisten Isaak Schwarz interpretiert, kann man vor so viel Mut zur Beschränkung und Liebe zur simplen Melodie nur den Hut ziehen. Manchmal wächst Löwenzahn aus den Rissen des Berliner Asphalts.

Josef Engels, 24.08.2019



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