Gleich zu Beginn rüttelt Nikolaus Harnoncourt in seiner Neuaufnahme von Mozarts "Zaide" kräftig am Metrum, bringt den Grundpuls immer wieder ins Stocken mit asthmatisch überstürzten Tuttieinwürfen, wirft auch den Hörer aus der Bahn und macht ihm klar, dass wir uns hier in einer auch Mozart noch fremden Welt bewegen und mit weiteren Überraschungen rechnen müssen. Doch dann, als dies klar ist, beruhigen sich die Streicher wieder und schlagen einen ruhig-lyrischen, schließlich locker-vergnügten Ton an. Themen späterer Sinfonien klingen herein, und ließe Harnoncourt die Blechbläser nicht so scharf anblasen, fühlte man sich schon wieder bestens aufgehoben im Klang der Wiener Klassik. Aber so gemütlich wird es nicht werden, dagegen steht der Operninhalt, dagegen steht das Experiment mit der neuen Form des Melodrams, dagegen steht auch die nur unvollständige Überlieferung - die Zwischentexte fehlen. Aber, und das muss man in diesem Fall hervorheben, da hat Tobias Moretti nicht nur ein glückliches Händchen, sondern einen angenehm klaren Kopf gehabt, als er die klaffenden Lücken mit eigenen, wohl durchdachten und klar formulierten Texten gefüllt hat und ebenso überzeugend vorträgt. Nicht nur hier bleibt Harnoncourt zwangsläufig im Hintergrund, auch bei mancher Hintergrundmusik, ja selbst bei einigen Arien hat man das Gefühl, der Dirigent nähme sich diesmal etwas zurück, und das tut dem Ganzen erstaunlich gut. Alles Inhaltliche und Musikalische wächst viel lebendiger aus sich heraus, weder der Concentus Musicus noch einzelne hervorragende Sängerinnen und Sänger, wie etwa Damrau, Schade, Schasching, Boesch und Scharinger, müssen sich zur Hauptfigur hochspielen. Der Anspruch dieser "Zaide"-Produktion ist klar: heraus aus dem Schattendasein als Vorbereitung, als Übungsstück für die kommende "Entführung". Und dieser Anspruch wird tatsächlich eingelöst. Obwohl hier vielleicht nicht so spektakuläre oder populäre Musiknummern zu bestaunen sind, so ist Mozarts "Zaide" doch auch musikalisch weit mehr als nur eine Fingerübung. Und wenn man Morettis Texte ernsthaft verfolgt und zumindest für die Dauer der Musiknummern im Kopf behält, dann wird hier "Zaide" zu einem erstaunlich aktuellen, hochpolitischen Stück, dann kann man endlich auch einmal Mozart als nachdenklichen, auch außermusikalisch regen Geist beobachten, ja sogar als mutigen, aufmüpfigen Querkopf. Dann verfärben sich die scheinbar biederen Arien und Duette mitunter in schrille Töne, dann kommt man, ohne das Werk über die Maßen zu strapazieren, zu einem Mozart, der zwar von manchen Regisseuren immer wieder beschworen worden ist, von der weltweiten Fangemeinde aber hartnäckig ignoriert wird. Auch insofern ist diese "Zaide"-Produktion ein wichtiger, ein herausragender Beitrag zum Jubiläumsjahr.

Helmut Mauró, 25.08.2006



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