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My Finnish Calendar

Iiro Rantala

(50 Min., 11/2018)

Wussten Sie, dass die Selbstmordrate in Finnland im April am höchsten ist und dass die meisten Kinder im März geboren werden, weil im Juni eigentlich Sommer sein sollte, aber alle Tage so verregnet sind, dass die Leute im Haus bleiben? Oder dass es leichter ist, mit jemandem Sex zu haben, als in dessen Heiligtum, das Sommerhaus mit Sauna am See, eingeladen zu werden?
Mit derart launigen Geschichtchen kommentiert Iiro Rantala seinen „finnischen Kalender“, in dem er jedem Monat ein charakteristisches Musikstück widmet. Dazu präpariert der Pianist seinen Flügel mit allerlei Gegenständen, um schnarrende oder abgedämpfte Klänge zu erreichen. Aber anders als der Musikphilosoph, Komponist und Konzeptionist John Cage, dessen Konzerte für einen präparierten Flügel in die Musikgeschichte eingingen, nutzt Rantala die Verfremdung nicht, um neue Klangwelten zu erschließen und herkömmliche Klangvorstellungen in Frage zu stellen. Bei ihm dienen sie dem profaneren Zweck, das Ausdrucksspektrum seiner eingängigen, die einzelnen Monate illustrierenden Stücke zu erweitern und damit ihren programmmusikalischen Charakter zu verstärken.
Im Juli, so schreibt er, liegen die Städte still, weil alle Finnen Urlaub machen. In der musikalischen Übersetzung liegen langsame Melodien träge über einem schleppenden Schaben. Zwei Monate später, im September, rinnen romantische Klänge aus dem Flügel – die Blätter fallen, und alles scheint zu sterben. Ganz anders fühlt sich der Oktober an: Wild und unruhig schöpfen die Finnen Kraft, um den Winter zu überstehen. Die brauchen sie auch, denn der November bringt mit der Dunkelheit die Melancholie, während sie im Dezember mit dem Bestreben, Angefangenes noch im alten Jahr zu beenden, wild und hektisch werden. Momente der Besinnlichkeit und Aufbrausen charakterisieren diesen Weihnachtsmonat.
Auch wenn die Umsetzung des Geschriebenen ins Hörbare einfach nachzuvollziehen ist, bleiben Fragen offen. Im Mai, schreibt Rantala, wollten Finnen mittleren Alters eigentlich auf Festivals ihre Rockgrößen hören. Die aber seien entweder tot oder auf Kur. Zu hören gibt es dann Laptopmusik, die Rantala mit einem konstant von links nach rechts und zurück wandernden Ton und engen Tonbewegungen auf dem präparierten Flügel nachempfindet. Zwölf Monate hat das Jahr. Ihr Spiegelbild dauert pro Titel zwischen dreieinhalb und fünfeinhalb Minuten. Wer die Texte mitliest, hat sicher Spaß an Rantalas in Wort und Klang spürbarem Humor.

Werner Stiefele, 31.08.2019



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