Responsive image

Halbwahrheiten

Fynn Großmann Quintett

Nwog/Edel 1043105NWO
(65 Min., 2/2018)

In Zeiten von Fake News lauern die gefährlichen Halbwahrheiten überall. Doch der Hannoveraner Altsaxofonist, Oboist und Komponist Fynn Großmann will den Titel seines Plattendebüts nicht politisch verstanden wissen. Für ihn umschreibt „Halbwahrheit“ vielmehr die Differenz zwischen dem perfektionistischen Anspruch beim Ersinnen von Stücken und dem, was nachher auf den Notenblättern und den Speichermedien landet.
Der junge Mann ist anscheinend sehr bescheiden: Denn sein Quintett mit Tenorsaxofonist und Klarinettist Phillip Dornbusch, Pianist Marko Djurdjevic, Bassistin Clara Däubler und Drummer Johannes Metzger macht jedenfalls keine halben Sachen. Mit großer Sensibilität und stilistischer Elastizität setzt die Formation die oftmals filigranen Kompositionen ihres Bandleaders um. Vor allem durch den Einsatz der Oboe, die an Paul McCandless von der Band „Oregon“ erinnert, erhält Großmanns Musik einen Wiedererkennungseffekt.
Geschickt vermischen sich auf „Halbwahrheiten“ klassische Kompositionsprinzipien mit federnden krummen Rhythmen, unvorhersehbaren, aber nie plakativen Wendungen sowie einem erzählerischen Gestus, der die Gebilde für den Hörer nahbar macht. Im Stück „Der Fallschirmsprungtag“ etwa scheinen die Instrumente sämtliche Emotionen vor, während und nach dem freien Fall zu durchleben – vom ängstlichen Keckern bis hin zum Sturz ins Glück.
Die kammermusikalische Grundanlage hindert Großmann auch nicht, kühn in andere Gefilde zu springen. Da gibt es geheimnisvolles Brodeln im Geiste Coltranes in der Einleitung von „Pultanin' Namu“ genauso wie unüberhörbare Big-Band-Anleihen in „Meditation Trane“, das ungeachtet seines Titels mehr mit Gerry Mulligan als mit Trane gemein hat.
Fest steht: Dass sich Großmann auf seiner ersten Veröffentlichung für das Label des Posaunisten Nils Wogram als reizvolle neue Stimme im deutschen Gegenwartsjazz erweist, ist definitiv keine Halbwahrheit.

Josef Engels, 14.09.2019



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Ahnengalerie: Im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man es schon schwer als Komponist. Mozart, Beethoven, Schubert – übermächtig liegt auf allen Gattungen der Glanz der Heroen, die den klassischen Kanon geschaffen hatten. Was kann man dem noch hinzufügen? Johannes Brahms, dem man oft melancholisches Zaudern unterstellte, setzte sich in Wirklichkeit besonders lange und eingehend mit diesen Vorbildern auseinander, bevor er seinen Beitrag stimmig empfand. So ist sein Werk […] mehr »


Top