Maurice Duruflés wundervolles „Requiem“ ist nur selten in der Fassung mit großem Sinfonieorchester und Orgel zu hören: Aus Kostengründen wird meistens die Version mit der Orgel als alleinigem Begleitinstrument gewählt (die freilich einen Ausnahme-Organisten erfordert), gelegentlich reicht das Budget auch für die Variante mit Kammerorchester und Orgel. Robin Ticciati und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin haben sich nun dem Werk gewidmet und liefern zusammen mit dem Rundfunkchor Berlin eine Interpretation, die das sinfonische Potential der Musik wahrlich ad extenso vorführt: Die Orgel, die laut Beihefttext auch in dieser Fassung noch „sehr präsent“ sein sollte, ist über weite Strecken nur allzu zurückhaltend als eigenes Klangelement im Gesamtsound wahrnehmbar, was die Musik ihres sakralen Charakters und ihrer Verbundenheit mit der französischen Orgeltradition beraubt. Wie vielen der Mitwirkenden mag bewusst gewesen sein, dass sie hier Satz für Satz gregorianischen Choral in spätromantischem Gewand (und in raffinierter kontrapunktischer Verarbeitung) präsentieren? Nun ja, das Stück ist eben einfach keine Musik für den Großen Sendesaal eines Rundfunkhauses: Ohne das Ambiente einer Kathedrale, ausgestattet mit einer mächtigen sinfonischen Orgel à la Cavaillé-Coll ist die nötige Atmosphäre nur schwer herzustellen. Akzeptiert man den vergleichsweise profanen Ansatz, dann kann man sich immerhin über einen Überraschungsgast freuen: Magdalena Kožená widmet sich liebevoll dem hochexpressiven Alt-Solo „Pie Jesu Domine“, auf ihre Art sicher spektakulärer (weil mit anderen stimmlichen Mitteln ausgestattet) als so manche Solistin in den zahlreichen Aufnahmen aus kirchenmusikalischem Umfeld. Schade allerdings, dass ihr für die zwei Bariton-Soli in den entsprechenden Sätzen nicht ein männlicher Solist, sondern die ganze Stimmgruppe des Rundfunkchors gegenübergestellt wurde.

Michael Wersin, 21.09.2019



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