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Playing The Room

Avishai Cohen, Yonathan Avishai

ECM/Universal 7752277
(46 Min., 9/2018)

Als erstes Duo-Album von Trompeter Avishai Cohen und Pianist Yonathan Avishai wird „Playing The Room“ apostrophiert. Doch das ist nicht ganz richtig. Denn in Wahrheit ist es ein Trio, das man auf dieser Aufnahme hört. Denn zu den beiden telepathisch miteinander interagierenden Israelis, die schon seit ihrer Schulzeit in Tel Aviv zusammen musizieren, gesellt sich der spezielle Klang des Raumes als dritte Komponente.
Dabei handelt es sich um das Auditorio Stelio Molo RSI im schweizerischen Lugano, einen holzvertäfelten Vortragssaal, der perfekt für Kammermusik geeignet ist. Weil er unter anderem über einen Nachhall verfügt, der bestens die Balance hält zwischen Fülle und Unaufdringlichkeit.
Das schlägt sich auch in den Dialogen von Trompete und Flügel nieder, die man schon auf den zwei bemerkenswerten ECM-Alben „Into The Silence“ und „Cross My Palm With Silver“ unter der Begleitung von Bass und Schlagwerk begutachten konnte. Auf „Playing The Room“ hören Cohen und Avishai in ihrem Programm nun darauf, was der Raum ihnen zu sagen hat. Der spricht: Nehmt euch den Platz, den ihr braucht, lasst euch Zeit, überstürzt nichts.
Und so wird man Zeuge, wie sich die beiden Schulfreunde umsichtig und informiert durch die Jazzgeschichte bewegen: Ellingtons „Azalea“ erklingt mit gestopfter Trompete als Huldigung an Miles Davis, in Milt Jacksons „Ralph's New Blues“ grüßt Louis Armstrong aus der Ferne, Abdullah Ibrahims „Kofifi Blue“ lässt mit einem Stride-Piano die Sonne aufgehen. Über „The Opening“, das an den Standard „My One and Only Love“ und Tomasz Stańko erinnert, bewegen sich Cohen und Avishai in Richtung Moderne, hin zu John Coltranes „Crescent“ mit Schmerzenstönen aus dem Horn und Ornette Colemans calypsoartigem „Dee Dee“.
Um dann schließlich auf wundersame Weise bei sich selbst anzukommen. Mit krummen Rhythmen und nahöstlichen Melismen wird aus Stevie Wonders „Sir Duke“ eine ähnlich fruchtbar in der Geschichte Israels verwurzelte Weise wie der Albumabschluss. „Shir Eres“, das Wiegenlied des israelischen Komponisten Sasha Argov, bringt die Qualität aller Beteiligten noch einmal zum Vorschein: Cohens gleichermaßen lyrisch warmes wie vollmundig robustes Trompetenspiel, Avishais sensibles Orchestrieren von Melodie, Puls und Harmonik – und die Poesie des Raums.

Josef Engels, 28.09.2019



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