Laut Ovid muss Pygmalion ein Schöpfer vor dem Herrn gewesen sein. Immerhin – so steht‘s schließlich in den „Metamorphosen“ des antiken Dichters geschrieben – war Pygmalion ein derart genialer Bildhauer, dass er sich sogleich in eine von ihm geschaffene Skulptur verliebte. Göttin Venus musste ihn von den Qualen der unerwiderten Liebe erlösen, indem sie dieses steinerne Geschöpf zu wirklichem Leben erweckte. Die populärste Vertonung dieses Stoffs mag zwar Frederick Loewes Musical „My Fair Lady“ sein. Die immer noch musikalisch farbenreichste und überhaupt vor Highlights nur so überschäumende Fassung stammt hingegen vom französischen Barockgenie Jean-Philippe Rameau, der „Pygmalion“ 1748 zum Titelhelden eines einaktigen Balletts machte. Vom Lautmalerischen (direkt in der Ouvertüre hört man in furiosen Tonrepetitionen die Meißelhiebe Pygmalions) über tänzerische Luftigkeit bis hin zu himmlischen Chorgesängen hat Rameau da sämtliche Register der feinsten bis raffiniertesten Klangkunst gezogen, um auch auf allerhöchstem Niveau zu unterhalten.
Nun haben sich diesem Coup schon so manche namhaften Spezialisten gewidmet – darunter William Christie und Christophe Rousset. Doch jetzt kommt der aufstrebende belgische Dirigent Korneel Bernolet mit seinem Apotheosis Orchestra um die Ecke – und katapultiert sich mit dieser Neuaufnahme auf Anhieb an die Spitze! Gemeinsam mit Tenor Philippe Gagné als Pygmalion geht Bernolet die Musik mit schwungvoller Impulsivität, aber eben auch mit der nötigen Aufmerksamkeit für die harmonischen Kühnheiten selbst in den Arien an, dass es nur so eine Freude ist. Und diese wird auch so gar nicht vom Nachfolgestück eingetrübt, das nun wirklich aus einem ganz anderen Holz geschnitzt ist. 1779 vertonte Georg Anton Benda den Ovid-Stoff zu einem halbstündigen Monodrama, bei dem eben traditionell nicht gesungen, sondern gesprochen wird (hier ist es der Bassbariton Norman D. Patzke). Interessant mag die Gegenüberstellung zweier komplett unterschiedlicher „Pygmalions“ auf dem Papier vielleicht aussehen. Aber schnell erkennt man, dass es nur einen geben kann: denjenigen aus der Feder Rameaus.

Guido Fischer, 05.10.2019



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