So gerne Patricia Kopatchinskaja liebgewonnene Violinliteratur aufraut und gegen den Strich bürstet, so unkonventionell fallen auch oftmals ihre Programme aus. Das jetzt mit der Camerata Bern eingespielte Album „Time & Eternity“ ist so ein Programm. Und wenngleich Kopatchinskaja sich gleich auf der ersten Booklet-Seite eher verschmitzt zeigt (sie stützt sich dafür auf einem Totenschädel ab), gibt es musikalisch wenig zu Lachen. Denn mit „Zeit und Ewigkeit“ erinnert sie nicht zuletzt an die Opfer und Verfolgten des Nationalsozialismus. Dafür hat sie das ultraherbe und oftmals äußerst verstörend karge, 1939 geschriebene „Concerto funebre“ von Karl Amadeus Hartmann ausgewählt. Zuvor erklingt ein in ihm verarbeitetes jüdisches Lied sowie die jüdische Gebetsformel „Kol Nidre“ in einer meditativen Vertonung des amerikanischen Avantgardisten John Zorn. Im weiteren Verlauf des Albums steht mit „Polyptyque“ ein weiteres Violinkonzert des 20. Jahrhundert im Mittelpunkt, für das sich der Schweizer Frank Martin von einer um 1300 gemalten Passionsgeschichte inspirieren ließ. Und dessen Sätze wechseln sich immer wieder auch mit Chorälen aus Bachs „Johannespassion“ ab, die die Hoffnung auf Erlösung preisen. Bis zurück auch zum französischen Mittelalter-Meister Guillaume de Machaut reicht dieses musikalische Panorama des irdischen Leids und menschlichen Schmerzes also. Und dafür hat Kopatchinskaja auch Chorsänger, einen jüdischen Kantor sowie für die Gebete einen Priester der russisch-orthodoxen Kirche eingeladen. So material- und facettenreich das Programm, so packend und eindringlich Kopatchinskajas Geigenspiel ausgefallen sind, so mühsam wird es jedoch auf Dauer, diesen dunklen Erinnerungsparcours mit der gebotenen Aufmerksamkeit und Spannung zu gehen. Ein musikalisch trostspendendes, mildes Lächeln hätte man sich zwischendurch gewünscht.

Guido Fischer, 05.10.2019



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