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Guillaume Dufay, John Cage, Philip Glass, Peter A. Bauer

Circle Line

Lautten Compagney, Wolfgang Katschner

dhm/Sony 19075943102
(76 Min., 2/2019)

Zwei Möglichkeiten hat man, mit dieser CD umzugehen: Entweder man hört sie einfach nur an, oder man hört sie und setzt sich dann substanziell mit dem auseinander, was hier präsentiert wird. Der erste Weg ist deutlich der bequemere: Wie häufig in Wolfgang Katschners Produktionen sind auch hier einige der präsentierten Arrangements sehr rhythmus-affin, und entsprechend schnell geraten Kopf und Körper ins Wippen, wenn die Musik beginnt.
Der zweite Weg bereitet – wie immer, wenn Musik in bearbeiteter Form dargeboten wird – mehr Kopfzerbrechen: Freilich könnte man etwa die kurzen Motive („Motti“), die in der Musik Dufays ein Mittel zur materialbasierten Verlinkung verschiedener Sätze einer mehrteiligen Komposition sind, mit den permanenter Metamorphose unterworfenen kurzen Motiven in der Minimal Music vergleichen. Freilich kann man die beständig wechselnden großen und kleinen Dreier-Rhythmen in Dufays außergewöhnlicher Chanson „Se la face ay pale“ so mit einem Rhythmus von Steve Reich kombinieren, dass der Eindruck entsteht, die beiden Stücke hätten irgendwie miteinander zu tun oder würden sich gegenseitig ergänzen.
Dennoch bleibt es unterm Strich mehr als fraglich, ob die beiden rund 500 Jahre auseinanderliegenden Musikstile wirklich so viel miteinander zu tun haben, dass der Extremfall einer inszenierten direkten Überlagerung wirklich beiden Stilen gerecht wird und sogar eine tiefgründige gegenseitige Beleuchtung hervorruft. Der Autor dieser Zeilen ist, will man schon solche Brücken schlagen, eher ein Freund der schonenderen, weniger „übergriffigen“ Gegenüberstellung: Die instrumentale Darbietung der Dufay-Motette „Ave maris stella“ etwa in nahtloser Verknüpfung mit Meredith Monks „Dawn“ ist ein gelungenes Experiment, zumal beide Werke auch erstklassig dargeboten werden (wofür Katschner mit seiner minutiös genauen Ensemble-Arbeit ja immer ein Garant ist).
Alles Weitere soll der Hörer für sich selbst entdecken: Katschners Thesen sind ohne Zweifel recht steil, aber wenn eine profund durchgeplante Veröffentlichung wie diese dem breiteren Publikum eine Musik nahebringt, die viele Menschen sonst vielleicht nie entdecken würden, dann ist ihr Zweck wohl mehr als erfüllt. Und wenn zumindest einige Hörer über das bloße Genusshören hinaus auch zum Verstehen geführt werden, dann wäre dies ganz im Sinne der frühneuzeitlichen Musiktheorie: „Der vollkommene Musikgenuss besteht im vollkommenen Musikverstehen“ – so zitiert der Beiheftautor trefflich den Musiktheoretiker Tinctoris, der als Zeitgenosse Dufays einer seiner ersten großen Verfechter war.

Michael Wersin, 19.10.2019



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