Das Klavier wurde im 19. Jahrhundert hin und wieder prominent als Begleitinstrument oratorischer Werke eingesetzt: In Rossinis „Petite Messe solennelle“ ist es, ergänzt durch ein Harmonium, der Normalfall, denn die Orchesterversion hat der Komposition erst nachgereicht. Für das „Deutsche Requiem“ von Brahms existiert eine vierhändige Klavierfassung vom Komponisten selbst. Im Falle von Dvořáks „Stabat Mater“ wiederum ist die Klavierfassung die Urzelle jener Komposition, die wir gewöhnlich als abendfüllendes sinfonisches Werk von etwa eineinhalb Stunden Dauer zu hören gewohnt sind: Drei Sätze und knapp eine halbe Stunde weniger Musik enthält die Klavierfassung vom Frühjahr 1876, in der noch nicht der gesamte Text der hochmittelalterlichen Sequenz vertont ist. Im Herbst 1877 erweiterte Dvořák sie zu der bekannten vollumfänglichen Orchesterversion.
Das Klavier als Begleitinstrument für ein großes oratorisches Werk: Eine Herausforderung und eine ungeheuer spannende Aufgabe für entsprechend begleiterisch begabte Pianisten. Julius Drake als erfahrender Lied-Pianist ist prädestiniert für diese Aufgabe, er entlockt dem Klavierpart ein Kaleidoskop an Farben und akkompagniert besonders die Soli sensibel und differenziert. In ebensolchen Momenten, etwa im zweiten Satz „Quis est homo“ sind dem Rezensenten die Solisten auch am sympathischsten, wenngleich auch hier die Unterschiedlichkeit ihrer Timbres bisweilen stört: Julia Kleiter kommt wohl am ehesten noch aus dem kammermusikalischen Bereich, allerdings kann ihre Stimme mittlerweile auch zu einem nicht unbeträchtlichen Vibrato ausschwingen. Dmitry Korchak ergeht sich mit seiner metallischen Tenorstimme gern in großer opernhafter Gestik, so z. B. gleich bei seinem ersten Solo im ersten Satz. Tareq Nazmi verfügt über eine recht mächtige Bassstimme, die mit breiter, ausladender Führung bei abgedunkelter Vokalisierung auch eher auf der Opernbühne daheim zu sein scheint: Im Solo-Satz „Fac, ut ardeat cor meum“ wird in jeder Hinsicht mit entsprechend breitem Pinsel gemalt. Auf sehr gutem Niveau agiert der Chor des BR, sich dem vielfältigen Chorpart entsprechend sehr gut positionierend zwischen klangprächtiger Fülle und feingezeichneter Lyrizität. Mit einem ausgewogeneren, sachgerechter ausgewählten Solistenquartett hätte die Produktion ein Knüller werden können.

Michael Wersin, 19.10.2019



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