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Diverse

Remember Me, My Dear

Jan Garbarek, The Hilliard Ensemble

ECM/Universal 002894817971
(78 Min., 10/2014)

Als das Hilliard Ensemble und Jan Garbarek in der Chiesa della Collegiata dei SS. Pietro e Stefano im Schweizer Bellinzona im Oktober 2014 ihr Konzert begannen, stand schon fest, dass diese Tour die letzte gemeinsame sein würde, denn zwei Monate später löste sich das englische Vokalensemble nach 45 Jahren auf. Es hatte mit seinen Interpretationen Alter Musik und durch die Zusammenarbeit mit dem norwegischen Saxofonisten Jan Garbarek tiefe Spuren in der Musikgeschichte hinterlassen.
Durch seine jahrelange Zusammenarbeit mit dem Pianisten Keith Jarrett und die Musik der eigenen Jan Garbarek Group hat der Norweger einen guten Namen bei Jazzfreunden – auch wenn er selbst sich nicht als Jazzmusiker definiert. Tatsächlich wurzelt sein Schaffen mindestens so stark in der skandinavischen Volksmusik, der Musik anderer Kontinente und Kulturkreise, der komponierten europäischen Musik wie eben auch dem Jazz. Die in der Auseinandersetzung mit dessen Tradition gewonnene Freiheit der Improvisation hat er in alle seine Produktionen übernommen und an die jeweiligen Kontexte angepasst.
Von „Officium“ aus dem Jahr 1993 über „Mnemosyne“ (1998) und „Officium Novum“ (2009) wuchsen Garbarek und das Hilliard Ensemble bis zum Finale auf „Remember Me, My Dear“ immer dichter zusammen. Das Repertoire dieser Liveproduktion speist sich aus Titeln der früher vorgelegten Alben von Garbarek und den vier Sängern. Neu kam „Procurans odium“ eines anonymen Verfassers hinzu. Die Stimmen wirken einsamer, verlorener als auf den früheren Platten. Sie und die Klänge des Sopransaxofons scheinen stärker als bei den vorherigen Produktionen im Raum zu verwehen. Dessen Nachhall greift so stark in die Musik ein, als sei er ein weiterer Musiker, der Harmonien zurückgibt, auf deren Abklingen die Sänger und Garbarek warten und reagieren müssen.
Ist es das Wissen um die Auflösung des Hilliard Ensembles, das beim Hören der Live-Aufnahme Abschiedsstimmung aufkommen lässt? Liegt es am Raum? Oder ist es die Musik selbst? Der Gesang des Countertenors David James, der Tenöre Rogers Covey-Crump und Steven Harrold und des Baritons Gordon Jones hat die Strenge der früheren Produktionen hinter sich gelassen; in „Se je fayz deuil“ und anderen Stücken stellte sich sogar ein dezent swingendes Gefühl ein. Stellenweise reagieren sie auf Garbareks Improvisationen und leiten aus diesen in ihren komponierten Teil über. In dieser im Lauf der Jahre hinzugewonnenen Freiheit liegt der Reiz der Konzertversionen. Der letzte Titel, „Remember Me, My Dear“, könnte als Motto gelten. Immerhin nehmen die fünf mit dem gleichnamigen Album Abschied. Das stimmt wehmütig.

Werner Stiefele, 02.11.2019



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