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Where We Go

Rebecca Trescher

Enja Yellowbird/Edel 1097712EY
(63 Min., 1/2019)

Was tun, wenn man zu viel Musik für eine einzelne CD aufgenommen hat? Ein Doppelalbum veröffentlichen? Einige Titel für die nächste Scheibe aufsparen? Rebecca Trescher entschied sich weder für die eine noch die andere Lösung. Sie veröffentlichte die drei überzähligen Stücke „Gipskristalle“, „Einzug der Andersartigen“ und „Abendlicht“ einfach nur digital. Dadurch, sagt sie, wäre es gelungen, der CD einen guten dramaturgischen Bogen zu verleihen. Auf YouTube hat sie zudem Videos zur Produktion eingestellt.
Wer nun sonderlich hippe Klänge erwartet, wird enttäuscht. Die sieben auf CD erschienenen Stücke lassen sich eher unter der Rubrik stilvoll arrangierter Kammerjazz einordnen. Dabei sorgen Flöten und Vibrafon sowie der Verzicht auf Posaunen und Trompeten für ein mildes Klangbild, zu dem einzig der Kontrabass kontinuierlich dunkle Töne beisteuert.
Die drei Stücke „Movement 8“, „Where We Go“ und „Green Day“ entstammen einer Auftragsarbeit, eine neue Filmmusik für Orchester und Jazzcombo für den Stummfilmklassiker „Oktober“ von Sergei Eisenstein zu schreiben. Auf der CD sind sie in einer auf Rebecca Treschers elfköpfiges „Large Ensemble“ konzentrierten Fassung zu hören. Fragil wirkt „Movement 8“. Vibrafon, Cello, Harfe und Flöten schaffen eine akustische Landschaft, in der jede Tonbewegung wie die Sehnsucht nach einem Weg aus einer Einöde wirkt. Dies setzt sich in „Green Day“ fort: Auch dieses Stück spiegelt weder Optimismus noch Aufbegehren, sondern eher resignatives Sehnen. Einzig das Klavier lässt einen Hauch von Aktivitätsdrang ahnen. „Where We Go“, Titelstück und Abschluss der Disc, wirkt zunächst wie der Blick über eine eisige Winterlandschaft, bringt dann aber doch etwas Optimismus und Bewegung ins Geschehen.
Die übrigen vier Stücke der CD wirken optimistischer. Kreisende Bewegungen prägen große Teile von „Spiral“ sowie von „The Lonely Ride“. In „Danach“ gehen minimalistische Bewegungen in eine beschwingte Atmosphäre über, und in „Anflug“ fasst der Kontrast zwischen erwartungsvollen Tupfern und längeren Melodien der Bassklarinette sowie gleichmäßigen Ensembleklängen die Atmosphäre vor der Landung eines Flugzeugs und die Vorfreude auf die Begegnung mit Freunden in Töne. All dies klingt nicht spektakulär. Muss es auch nicht, denn die sieben Kompositionen Rebecca Treschers leben vom stillen Understatement und bergen viele leise Überraschungen in sich. Es lohnt sich, aufmerksam zuzuhören.

Werner Stiefele, 09.11.2019



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