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Mark Andre

riss

Ensemble Modern, Ingo Metzmacher

Ensemble Modern Medien/harmonia mundi EMCD-045
(48 Min., 4 & 5/2019)

Einen Donnerhall erlebte 1990 der französische Komponist Mark Andre, als er auf eine Partitur seines späteren Kompositionslehrers Helmut Lachenmann traf. Denn hier entdeckte Andre eine Musik von einer ungeschönt existenziellen Dringlichkeit, ausgelöst von einer auch aufführungspraktischen Recherche nach Ausdrucksformen jenseits standardisierter Spieltechniken. Tasten, Atmen, Schlagen, Reißen, Zupfen – das Vokabular dieser geradezu auch körperlichen Aggregatszustände von Musik ist seitdem für Andre zum wichtigen Schlüssel geworden, um nicht nur gänzlich neue Klangräume aufzuschließen. Der bekennende Christ will mit seinen Kompositionen zugleich „den zarten, zerbrechlichen, tröstenden Atem des Heiligen Geistes musikalisch beobachten und erlebbar machen“.
Dieses Credo findet sich im Booklet zu der vom Ensemble Modern vorgelegten Gesamteinspielung des dreiteiligen Orchester-Zyklus „riss“. Zwischen 2014 und 2017 teilte sich das in Frankfurt beheimatete, jetzt von Ingo Metzmacher geleitete Neue Musik-Ensemble die Uraufführungen der drei Teilstücke mit ihren Kollegen vom Kölner Ensemble Musikfabrik und dem Pariser Ensemble intercontemporain. Und Auslöser für dieses Eintauchen und Erkunden von spartanisch eingerichteten, oftmals in ihrem geheimnisvollen Gestenreichtum archaisch anmutenden Klangräumen war für Mark Andre die Lektüre des Textes „Der Vorhang zerreißt“ der Theologin Margareta Gruber. Darin beschäftigt sie sich mit jener Passage im Markusevangelium, in der mit dem Tod von Jesus Christus das Zerreißen des Vorhangs des Tempels auch als Sinnbild von Gottesanwesenheit und Gottesabwesenheit gedeutet wird. Mark Andre spürt nun mit jedem der „risse“ den bislang verborgenen Klangwelten nach und lädt sie mit vertrauten und irritierend fremden Geräuschkonstellationen auf, die in ihrer Subtilität und Spannung zum Hin- und Zuhören zwingen. Ob sich damit möglicherweise der Atem des Heiligen Geistes offenbart, bleibt dabei zweitrangig.

Guido Fischer, 30.11.2019



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