Man kann Beethovens Tonsprache vom 18. Jahrhundert her deuten und ihn trotz seiner unübersehbaren Alleinstellungsmerkmale bei den großen Klassikern einreihen. Man kann ihn aber ebenso im Lichte – oder durch die Brille – des 19. Jahrhunderts betrachten, wo er von den Romantikern als großer Visionär einer zukünftigen Musik rezipiert wurde. Und dann gibt es natürlich auch noch Beethovens unbezweifelbare persönliche und künstlerische Nähe zur Aufklärung mit ihrem Credo des individuellen Aufbruchs zu Freiheit und Selbstbestimmtheit. Von all diesen Aspekten findet sich in Leonidas Kavakos‘ Version des Violinkonzertes der erste, der historisierende, am allerwenigsten: Kavakos, der aus der Solistenposition das Orchester auch selbst leitet, verfügt mit den vor allem in den Streicherstimmen stark besetzten BR-Symphonikern über ein klanglich opulentes Ensemble, das er immer wieder zu satt-romantischer Tongebung ermuntert, ohne dass dabei jemals Klarheit und Geradlinigkeit verloren gingen – es ist ein zutiefst romantischer Duktus, der die Wärme und den Enthusiasmus der aufklärerischen Botschaft voll und ganz in sich aufnimmt. Im selben Sinne nimmt sich Kavakos des Violinparts an. Sein technisch über jeden Zweifel erhabenes Spiel ist inspiriert vom Geist der Musik, sein Ton ist warm und füllig, mit seinem gemessenen Vibrato folgt er flexibel dem Ausdrucksstreben, das die Musik impliziert. Eine großartige, ja eine große Einspielung dieses so oft gehörten Stückes ist ihm gelungen, denn sie vermag dem Hörer die Musik noch einmal neu, ganz aktuell, zu erschließen.

Michael Wersin, 30.11.2019



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