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Johannes Brahms

Klavierkonzert Nr. 1, Balladen op. 10

Lars Vogt, Royal Northern Sinfonia

Ondine/Naxos ODE1330-2
(72 Min., 12/2018 - 1/2019)

Jetzt auch noch Lars Vogt: Der wohl erfolgreichste deutsche Pianist der Gegenwart richtet sich im Dirigentenfach ein. Schon seit 2015 leitet er die Royal Northern Sinfonia in Newcastle (bzw. Gateshead) im Nordosten Englands. Überklügelte oder spitzfingrige Interpretationen waren Vogts Sache nie. Auch bei seiner bereits sechsten CD als Dirigent bleibt er sich treu.
Wie als robuster Widerschein des Haydn’schen Chaos zu Beginn der „Schöpfung“ geht er bei diesem Brahms dirigentisch in die Vollen. Das tost und unwettert; nie gehörte Stimmen durchzüngeln eine schwere Wolkendecke. Als pastorale Niederschlagswarnung und Tondichtung im Gefolge Beethovens nicht uninteressant.
Nach langem Vorspiel setzt Vogt, wie so oft bei ihm, nach dem Motto ein: ‚Fangen wir erstmal an ...’. Keine schlechte Devise, getreu dem Schauspielerrezept: „Nicht auftreten, sondern kommen ...“ (um pathetische Königsauftritte zu vermeiden). Das ausgeprägt Musikantische führt dazu, dass Brahms handfest angepackt und durchgeformt wird. Ein gewisser Pragmatismus, um nicht zu sagen: eine leichte Konzeptschwäche lässt sich nicht verhehlen. Will Brahms das Virtuosenkonzert ins Monumentale steigern? Werden folkloristische Elemente in Stein gemeißelt? Derlei Brahms-Fragen bleiben offen. Die vorwitzige Annahme, der komplexe Orchesterapparat könne nebenbei vom Klavier aus koordiniert werden, kann so nicht begründet werden.
Dagegen findet Vogt für die Vier Balladen op. 10 einen nüchtern herben, die Melancholie der Werke treffenden Ton. Bürgerliche Feierlichkeit und zelebrierte Einsamkeit bilden eine schöne Balance. Keine Frage, dass Vogt ein guter Brahms-Interpret ist – und damit eine Rarität darstellt –, selbst wenn ihm alles Strenge fehlt. Mit einem separaten Dirigenten fürs Konzert wäre er noch besser gefahren.

Robert Fraunholzer, 30.11.2019



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