Wer braucht einen neuen „Nussknacker“? Nicht mal zu Weihnachten kann man sich darüber hinwegtäuschen, dass der vertanzte E.T.A. Hoffmann – hier löblich auf einer einzigen, überlangen CD untergebracht – nicht gerade zu den Stiefkindern des Repertoires zählt. Freilich, bei näherem Hinsehen erweist sich, dass außer bei Vergleichsaufnahmen von Jansons, Rattle, Previn, Zinman, Tilson Thomas (sowie den Altmeistern Ansermet und Doráti) meist nur die Suite dirigiert wurde. Nicht aber das ganze, abendfüllende Ballett wie hier (mit Knabenchor).
Nimmt man hinzu, dass mit dem „Svetlanov-Orchester“ (benannt nach seinem prägendsten Chefdirigenten Evgeny Svetlanov, 1965-2000) nur wenige (andere) Großmeister überhaupt Aufnahmen realisiert haben, so wird man neugierig. Bedenkt man schließlich, wie hochschwierig der Tschaikowski-Ton zu treffen ist, und zwar ohne die Schneedecke in dieser Musik mit einer dicken Schicht von Puderzucker zu verwechseln, so stehen wir bass erstaunt vor dem absoluten Ausnahme-Rang dieser CD.
Vladimir Jurowski, zu Ruhm und Ehren gekommen beim London Philharmonic Orchestra, wollte die Leitung seines Moskauer ‚Zweit-Orchesters‘ angeblich schon längst abgeben; wird aber dessen unerhörte Fähigkeiten gerade noch rechtzeitig realisiert haben. Er blieb. Wunderfein der Streicherklang, welcher nie verfettet oder verklebt. Federleicht noch das heftigste Blech, das hier tatsächlich tippsfüßig zu tanzen beginnt. Der dramatische Schwung bleibt licht und leicht. Eine unerhörte Kultiviertheit und Delikatesse geht, und zwar zu Recht, von dieser Salon-Repräsentationsmusik aus. Jurowski setzt sich spielerisch an die Spitze aller Nussknacker. Wundervoll!

Robert Fraunholzer, 07.12.2019



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