Sinnlichkeit. Verlockung, und trotzdem auch noch ein Hauch von Unschuld. Das zeichnete schon Jakub Józef Orlińskis erstes Soloalbum „Anima sacra“ aus. Wobei es hier eigentlich um geistliche Genüsse, Glaubenshalt durch die Musik ging. Doch die nicht eben unterschwellige Erotik barocker Klänge schwang schon dabei sehr deutlich mit. Von der optischen Visualisierung durch Schleier auf nackter Haut ganz zu schweigen, die freilich die gern mit marmornen Tüchern bedeckten Steinskulpturen in neapolitanischen Kirchen zitieren. Doch der in New York ausgebildete polnische Countertenor, der auch eine Model-Vergangenheit und eine Breakdance-Gegenwart hat, kann sich das leisten. Das Erato-Album wurde ein Riesenerfolg, gleich zwei Plattenpreise in einer Woche, der neue Opus Klassik und der Grammophone Award, waren der Lohn. Und jetzt folgt, mit den gleichen Beteiligten, die opernhafte Fortsetzung: „Facce d’amore“. Es geht also in weit äußerlicheren Musiktheaterarien ganz unverfälscht um die „Gesichter“ und die Aggregatszustände der Liebe. Wieder sind für die Recherche der Musikforscher Yannis François (sieben Weltpremieren hat er gefunden) und für die hinreißend vitale und spontane instrumentale Unterstützung Il pomo d’oro unter dem expressiven Maxim Emelyanychev mit dabei. Und wieder fasziniert und begeistert Jakub Józef Orliński mit der schillernden Palette seiner fein lasierten Farben und seinen geläufigen Koloraturen. Immer ist da ein opak porzellanhafter Schimmer auf seiner Mezzostimme, nie wird er schrill oder aggressiv, nicht einmal in der Wahnsinnsszene des Händelschen Orlando. Es ist ein orphisches Singen – und so passt es, dass der hinreißende Arienparcours mit der verinnerlichten, für Farinelli komponierten Virtuosität des Hasseschen „Orfeo“ endet.

Matthias Siehler, 14.12.2019



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