Wieder einmal eine interessante CD, die jene bemerkenswerte Entwicklung innerhalb der musikalischen Praxis repräsentiert, welche im 16. Jahrhundert den Übergang zu einer grundsätzlich neuen Ästhetik vorausahnen ließ. Man begann, einzelne Spitzenwerke des Repertoires der „klassischen Vokalpolyphonie“ dergestalt zu bearbeiten, dass man einzelne der prinzipiell gleichberechtigten Stimmen des polyphonen Satzes durch virtuoses Verzieren aus dem Gesamtverbund der Stimmen hervorhob – ein Verfahren, das man als „Diminution“, also als virtuose „Verkleinerung“ der notierten Notenwerte mittels Einfügen schneller Noten bezeichnete. Diminutionen dieser Art, etwa über Motetten von Palestrina oder auch Werke von älteren Komponisten wie Jacques Arcadelt oder Cipriano de Rore wurden seinerzeit sicher häufig improvisiert. Allerdings haben einige begabte Bearbeiter, zum Beispiel Giovanni Bassano, ihre Diminutionen teilweise auch aufgeschrieben. Gerade diesen Bassano-Diminutionen haben sich schon einige Ensembles auch mit entsprechenden CD-Veröffentlichungen gewidmet. Das Besondere an der vorliegenden Produktion ist, dass Bassanos Bearbeitungen einerseits durch andere, weniger bekannte Bearbeitungen von damals, andererseits aber auch durch neue Diminutionen von Odile Edouard, die zum Ensemble gehört, ergänzt werden. Speziell ist auch, dass wir lediglich Instrumente der seinerzeit neuen Violinen-Familie – bis hinab zur Bass-Violine – hören. In anderen Veröffentlichungen hören wir meist gemischte Besetzungen aus Bläsern und Streichern. Hinzu kommt auf dieser CD auch eine Gesangsstimme, die nicht fehlen darf – virtuoses Verzieren war nicht nur ein instrumentales, sondern auch eine vokales Faszinosum. Es handelt sich um Anne Delafosse, deren warme, schlichte Stimmgebung sich wunderbar in den lieblichen Klang der historischen Violinen einfügt. Insgesamt eine ungewöhnlich homogene, abgerundete Besetzung.

Michael Wersin, 14.12.2019



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