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Munich 2016

Keith Jarrett

ECM/Universal 7793748
(94 Min., 7/2016) 2 CDs

50 Jahre alt ist das Münchner Label ECM 2019 geworden. Und auch wenn sich die von Manfred Eicher geleitete Plattenfirma in nobler Zurückhaltung übt und vornehm über ihr Alter schweigt, ist dieses Doppelalbum natürlich ein Geschenk zum Jubiläum, das sich das Label selbst macht.
Denn mit Keith Jarrett und seinem „Köln Concert“, der meistverkauften Klaviersolo-Einspielung aller Zeiten, feierte ECM 1975 seinen weltweiten Durchbruch. Was lag da näher, als zum 50. Jahrestag der Unternehmensgründung den Mitschnitt eines Konzertes herauszubringen, das Jarrett 2016 in der Stadt des Firmensitzes gab?
Gleichwohl lag ein Schleier der Trauer über dem Auftritt in der Münchner Philharmonie: Zwei Tage vorher war es zu dem fürchterlichen Terroranschlag in Nizza gekommen, unweit des Hotels, in dem sich der Pianist zufällig aufgehalten hatte.
Man meint die Verzweiflung, die Verwirrung und die Wut aus dem ersten Stück der zwölfteiligen Suite herauszuhören, die Jarrett auf seine altbewährte Art in München aus dem Nichts erschuf. Die ersten sechs Minuten türmt der Pianist da mutwillig Dissonanzen aufeinander, die von wild durcheinander fliegenden Motivfetzen gerahmt werden. Die zunehmende Qual und Unübersichtlichkeit wird abrupt von einer Basslinie wie aus einem Katastrophenfilm abgelöst, die zwar für Ordnung, aber nicht für Beruhigung sorgt.
Diese Pein bricht aus Jarrett während des anderthalbstündigen Alleingangs immer wieder heraus. In „Part VII“ rangeln linke und rechte Hand miteinander als nervöse Kombattanten, in „Part XII“ regiert das Chaos wie in einem Insektenhaufen, und selbst in dem stillen „Part II“ dominieren seelische Verstimmung und die Unfähigkeit, zu einer harmonischen Auf- und Erlösung zu finden.
Als müsse er den Boden unter den Füßen zurückgewinnen, greift der Pianist auf die fundamentalen Dinge zurück: „Part IX“ ist ein Blues simpelster Machart, „Part IV“ ein Boogie mit deftiger Soul-Einlage, mit Fußstampfen und heiserem Keuchen. Und dann rinnen Jarrett plötzlich Sachen aus den gleichsam ausgeweinten Fingern, die zu dem Schönsten gehören, was 2019 auf Tonträger gepresst wurde: „Part III“ etwa, die zu Tränen rührende Vermählung von Schumann, Folk Song und Kirchenlied. Oder „Answer Me, My Love“, jenen Schlager des „Caprifischer“-Komponisten Gerhard Winkler, den deutsche Nachkriegshörer als „Glaube mir“ kennen.
Mit „Somewhere Over the Rainbow“ als schimmerndes romantisches Kunstlied beendete der Pianist den Abend in München. Und so wie der „Zauberer von Oz“, aus dem der Song stammt, ist auch „Munich 2016“: tristes Schwarz-Weiß, ein Wirbelsturm, Farbenrausch, Tränen und Lachen. Das Leben.

Josef Engels, 14.12.2019



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