Das Monteverdi-Jahr 2017 hat es wieder einmal offenbart. Vieles an seinen Werken, besonders den Sammlungen, ist gar nicht so sakrosankt, kann auf unterschiedliche Arten instrumentiert, interpretiert, ja auch zusammengestellt werden. Schließlich arbeitete man in der beginnenden Barockmusik nach ganz anderen Kriterien als sie der heutige Musikbetrieb kennt. Das gilt auch für die Marienvesper, die gar kein geschlossenes Kunstwerk ist, wie man vielleicht vermutet, und die noch immer viele Geheimnisse versteckt. Aus Claudio Monteverdis Meisterwerk hat nun Simon-Pierre Bestion mit seinem Ensemble La tempête eine Version destilliert, die mit keiner der Fassungen seiner illustren Kollegen übereinstimmt. Der Organist, Cembalist und Dirigent Bestion betrachtet das Werk, das 1610 publiziert wurde, aber – wie Bachs h-moll-Messe – niemals als Ganzes aufgeführt worden war, „als ein großartiges und zauberhaftes Ritual, das das Heilige mit dem Heidnischen verbinde, das Intime mit dem Kollektiven“. Und so singt sein Chor gleich im „Domine ad adjuvandum me“ kräftig, ja fast gellend und ohne Vibrato los. Das geht direkt in den Bauch, die Vergeistigung, ja spirituelle Verzauberung stellt sich erst mit dem Voranschreiten dieser grandiosen, auch ritualhaften Musik ein. Vielfältig sind die Farben und Formen, in denen Bestion schwelgt, die er aber stetig voranzutreiben weiß. Ein Charakteristikum: Er hält seine Sänger zu einer gutturalen Stimmgebung an, wie sie die Folklore in Korsika, Sardinien, im Baskenland oder in Georgien kennt. So klingt dieser Monteverdi gleichzeitig erdig und himmlisch.

Matthias Siehler, 11.01.2020



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