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Not Far From Here

Julia Hülsmann Quartet

ECM/Universal 0806088
(60 Min., 3/2019)

Aus dem Julia Hülsmann Trio wurde ein Quartett. Und zwar wirklich ein Quartett, nicht nur ein eingespieltes Trio plus einem Gast, der wie ein Fremdkörper auf das seit achtzehn Jahren bestehende Ensemble der Pianistin draufgesattelt wird. Ja, der Tenorsaxofonist Uli Kempendorff ist so gut in die Band integriert, als zähle er schon von Anfang an zu ihren Mitgliedern.
Da er dies nicht tut, gönnt sich Julia Hülsmann das Vergnügen, ihn im Duett „The Art of Failing“ vorzustellen. Sie musizieren nebeneinander, sie finden sich, und Melodiebogen für Melodiebogen greifen seine atemreichen Saxofonklänge und ihre Klavierakkorde immer selbstverständlicher ineinander. Erst im folgenden „Le mistral“ beteiligen sich auch der Schlagzeuger Heinrich Köbberling und der Kontrabassist Marc Muellbauer an dem musikalischen Abbild des für die Provence typischen Windes, der warm und sanft beginnt, im Lauf der Tage jedoch auch stark und kälter weht. Das Quartett lässt ihn nach einer sanften Einleitung kräuseln und – im Unisono von rechter Klavierhand und Tenorsaxofon – an Kraft gewinnen, bevor es das Stück abrupt zu Ende führt.
Mit „Weit weg“ setzt das Quartett diese ruhige, zurückhaltende und doch selbstsichere Linie fort, übernimmt also die Ästhetik des Julia Hülsmann Trios, das ebenfalls Überflüssiges vermeidet und jedem Ton Bedeutung beimisst. Dabei unterlegt Marc Muellbauer dem Titelstück „Not Far From Here“ eine herrlich pulsierende Bassfigur, deren zarte Rhythmik die anderen drei sanft umstreicheln. Doch das Quartett kann auch anders. „Streiflicht“, „No Game“ und „Einschub“ fallen zupackender aus, zumal Uli Kempendorff in letzterem auch auf rauere Saxofonsounds setzt.
„If I Had A Heart“ bringt die weichen, fließenden Klänge zurück, während „Colibri 65“ zunächst nervös und mit raschem Flügelschlag von Ast zu Ast flattert, ein wenig ausruht und weiterfliegt. „You Don’t Have To Win Me Over“ ist ein kurzes, vergnügliches Stück aus kurzen Tupfern und etwas länger gehaltenen Tönen, auf die mit verschlungenen Pfaden „Wrong Song“ folgt.
Mit zwei Versionen ist der von Pat Metheny, David Bowie und Lyle Mays komponierte Song „This Is Not America“ präsent – einmal im dritten Titel der Disc als Klangerzählung eines Menschen, der sich – mit wütenden Schreien des Tenorsaxofons – absetzt. Zum Abschluss der Disc interpretiert Julia Hülsmann das Thema am Flügel alleine und voll Sehnsucht, als erinnere sie sich an einen Traum, aus dem neues Leben entstehen soll: eben jenes Amerika, das es vielleicht einmal gab, das aber schon lange nicht mehr besteht.

Werner Stiefele, 11.01.2020



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