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Trio!

Claus Raible

Alessa Records ALR 1081
(62 Min., 12/2018)

Als Claus Raible 1967 in Karlsruhe geboren wurde, waren Bebop und Hard Bop schon Geschichte. Das hinderte den Pianisten nicht daran, sich nach seinem Studium in Graz genau diesen historischen Spielweisen, also der Musik der Pianisten Bud Powell, Thelonious Monk, Herbie Nichols und – mit Abstrichen – auch Horace Silver und Ahmad Jamal zu widmen. Von ihnen hat er derart viele Wendungen übernommen, dass es schwerfällt, die Aufnahmen auf 2018 zu datieren, zumal der Klang dem dunklen, etwas stumpfen, aber detailreichen Timbre der historischen Blue-Note-Scheiben entspricht.
Der Schlagzeuger Alvin Queen, Jahrgang 1950, ist schon näher dran an jener Ära, die in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts den modernen Jazz einleitete. Im Alter von 18 Jahren hat er mit Horace Silver zusammengearbeitet, und später engagierten ihn vor allem im Bop verwurzelte Mainstream-Musiker. Der Kontrabassist Giorgos Antoniou hingegen, Geburtsjahr 1970, ist sogar etwas jünger als Claus Raible. Aber auch seine Biografie ist ebenso wie die von Raible vom singenden Mainstream geprägt.
Schon der erste Titel „Ridinʼ High“, den Raible den Boppern detailgetreu nachempfunden hat, lässt die Sprengkraft wieder aufleben, mit der zu Beginn der 1950er die Schlagzeuger die Gelassenheit des Swing durch kraftvolle Figuren ersetzten, wie ihre Stöcke wirbelten, die Becken Akzente setzten und die Zählzeiten der Takte nicht mehr monoton markiert wurden und trotzdem präsent blieben. Auch die kürzelhaften Melodien und die flinken Läufe des Pianisten, die dazwischen gebetteten Akkorde sowie die impulsiven Bewegungen des Kontrabasses tragen historischen Charakter.
Fünf der zwölf Themen stammen von Raible – und alle fünf könnten auch in den 1950ern entstanden sein. Sie sind ähnlich knapp wie es damals üblich war, und ihre Prägnanz öffnet wie die großen Themen von damals unendlich viele Möglichkeiten für Verzierungen und Variationen. So können sie bruchlos neben den Monk-Klassikern „Thelonious“ und „Off Minor“ oder dem Standard „I’ll Remember April“ bestehen. Mit einer offeneren Version von „On Green Dolphin Street“ öffnen sich die drei hingegen für das zwischenraumreiche Spiel, wie es Ahmad Jamal zur Blüte gebracht hat.
Nicht nur das Repertoire, sondern auch die Titelfolge wirkt wie eine Zeitreise durch die 1950er-Jahre. So kommt das Trio mit „Somewhere Over The Rainbow“ im geglätteten Mainstream an, bevor es mit Raibles „Boogaloo-Baloo“ dem Souljazz huldigt. Mit seinem „Course de ville“ kommen die Latinrhythmen der 1950er ins Spiel. Was bleibt als Finale? Eigentlich die Paradenummer jener Zeit, Thelonious Monks „ʼRound Midnight“. Raibles Solo-Version erinnert sehr stark an jene, die Monk am 7. Juni 1954 in Paris einspielte. Schön, dass es einen Pianisten gibt, der sich derart detailnah den großen Pianisten jener überaus fruchtbaren Jazz-Ära verpflichtet fühlt.

Werner Stiefele, 18.01.2020



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