Gute Werte für Andris Nelsons. Zwar kommt ein unvoreingenommener Betrachter des Debütanten beim Wiener Neujahrskonzert um die Kleidungs-Erkenntnis nicht herum: Blauer Samtsack ist auch keine Lösung! Fürs Cover-Foto jedoch hat man einen optisch neutralen Winkel ausgesucht. Richtig so. Denn musikalisch macht der ehrgeizige und (zu) viel beschäftigte Lette Andris Nelsons auch bei Walzern, Polkas und Märschen: bella figura.
Er hält die Zügel locker. Und lässt die Wiener Philharmoniker im Durchmarsch tun, was sie unberaten am besten machen. Mit immerhin neun Werken, die erstmals bei den Wiener Philharmonikern erklangen, macht der Jahrgang einen guten Schnitt. Nelsons Klanggeheimnis: Gut geschichtet ist halb gewonnen! Die süßen Wiener Geigen singen, dass es eine Freude ist. Schmiss und Draufgängerei, zum Beispiel in der Ouvertüre zu Ziehrers „Die Landstreicher“ oder Eduard Strauß’ „Knall auf Fall“ lassen nichts zu wünschen übrig.
Dass Nelsons für den Postillon-Galopp von Hans Christian Lumbye sogar zur Trompete greift, um vom Dirigentenpult aus ein Paar Tönchen in den Saal zu tröten, muss ihm hoch angerechnet werden. Das Risiko, sich auf seinem alten Instrument zu blamieren, war nicht zu unterschätzen. Von Evergreens wie dem Donau-Walzer sowie „Freut euch des Lebens“, „Wo die Zitronen blüh’n“ und „Seid umschlungen, Millionen!“ sind hier zwar keine neuen Erkenntnisse zu erwarten. Aber wer will das neue Jahr auch gleich mit schwerwiegenden Erkenntnissen beginnen?!
Was dem Event an Optik abging – Nelsons hat etwas zugelegt und begeistert nicht ganz so wie sein Lehrer, der große Mariss Jansons –, macht die CD-Auswertung umso schätzbarer. Eine CD, ohne Bild, ist eben doch besser als eine DVD.

Robert Fraunholzer, 01.02.2020



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Kommentare

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Ulrich Wilker
Wow, body shaming vom Feinsten, und gleich zweimal.

gemihaus
Nicht nur der "blaue Samtsack", bravo!, war keine Lösung, sondern auch das musikalisch schwerfällig-bräsige, wenig Walzer-Srauss-idiomatische Dirigat. Nelsons war eindeutig überfordert von der schwierigen leichten Musse, die man nicht erarbeiten kann, wie einen zugleich bedienten Beethoven-Zyklus. Nunja, such is business.




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