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Gestalt!

Anthony Cox, Cornelius Claudio Kreusch, Johannes Tonio Kreusch

GLM/Soulfood FM249
(47 Min.)

In den 1990ern war dem Pianisten Cornelius Claudio Kreusch etwas gelungen, das nicht viele Deutsche für sich reklamieren können: Er war fester Bestandteil der Jazzszene New Yorks. Unser Mann im Big Apple nahm Alben unter anderem mit Kenny Garrett auf, heimste Grammy-Nominierungen ein und testete die Grenzen zwischen groovebetonter Fusion-Unterhaltung, Weltmusik und klassischen Einflüssen aus.
Wer die weitere Karriere des durchaus marktsensiblen Pianisten nicht verfolgt hat, wird überrascht sein von seinem jüngsten Tonträger-Output, das Vertonungen von Thomas Manns „Zauberberg“ und Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ umfasst.
Mit der Trioeinspielung „Gestalt!“ wagt sich Kreusch an der Seite seines Bruders, des klassischen Gitarristen Johannes Tonio Kreusch, und seines alten Bass-Kumpels Anthony Cox aus gemeinsamen New Yorker Tagen noch weiter heraus aus der Komfortzone des virtuosen Muckertums.
Das Album besteht aus elf Kollektivimprovisationen, die an zwei Nachmittagen in München entstanden sind. Bis auf „As a Sum” mit seinem durchgängigen Bolero-Rhythmus will sich keine der Spontanerfindungen irgendwelchen Formvorgaben beugen.
Es geht vielmehr um die gemeinsame Entwicklung von flüchtigen Gebilden, zu der die drei Musiker mit ihrer jeweils eigenen Idiomatik beitragen: Cornelius Claudio Kreusch mit kristallin perlender Motivik oder dramatischer Verdichtung (etwa in „Be Described”), Johannes Tonio Kreusch mit präparierter Gitarre, abstrakten Südamerikanismen und Flamenco-Verweisen, Anthony Cox schließlich als wendiges Bindeglied mit seinem großen Arsenal an verschiedenen E-Bass-Spieltechniken.
In der englischen Lexikon-Definition des Wortes „Gestalt“, die sich ergibt, wenn man die Stücktitel der Einspielung hintereinander liest, heißt es: „It cannot be described merely as a sum of its parts.“ Bei Cox und den Kreusch-Brüdern verhält es sich ebenso – ihre Musik ist mehr als die Summe der persönlichen Einzelteile, sondern ein abstrakt vibrierendes Ringen um die Geburt einer Klanggestalt.
Wobei der Prozess des Werdens, der dem Zuhörer viel Aufmerksamkeit abverlangt, wichtiger zu sein scheint als ein Ergebnis, das sich im Ohr oder in den Gehirnwindungen festhalten lässt. Die Gestalten, die hier entstehen, haben etwas Schimärenhaftes. Diesen Widerspruch muss man aushalten.

Josef Engels, 08.02.2020



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