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Ascent

Pablo Held

Edition Records Membran EDN1148
(47 Min., 6/2019)

Was ist komponiert? Und was ist improvisiert? Beim Trio des Pianisten Pablo Held ist diese Frage nie einfach zu beantworten, denn im Verlauf des vierzehnjährigen Bestehens haben sich viele Arten des Zusammenspielens verselbständigt, sodass auch Spontanes wie komponiert wirken kann, weil jeder ahnt, was die anderen zur Entwicklung eines Stückes beisteuern könnten.
Zwischendurch öffnen die drei ihre Formation für einen vierten Partner, diesmal den brasilianischen Gitarristen Nelson Veras. Den integrieren sie so vollständig, dass sein Saitenspiel nicht an einen Gastauftritt erinnert, sondern vollwertiger Bestandteil des musikalischen Geschehens ist. Die Integration seiner scharf akzentuierten, nur kurz aufklingenden Töne ist noch vollkommener, als dies vor fünf Jahren bei den Aufnahmen des Trios mit dem Gitarristen John Scofield der Fall war.
Mit dem Jazz im alten, swingenden Stil hat dies wenig zu tun. Pablo Held, der Kontrabassist Robert Landfermann und der Schlagzeuger Jonas Burgwinkel stehen ohnehin schon seit der Gründung ihres Trios für eine improvisierte Musik, die sich einerseits aus der Tradition des Jazz nährt und andererseits aus Helds Beschäftigung mit der Musik des amerikanischen Komponisten Aaron Copland, Igor Strawinsky, Maurice Ravel und anderen Klassikern der Konzertmusik des 20. Jahrhunderts. Dies vereint sich mit dem Ziel, auch in frei improvisierten Passagen logisch aufgebaute Formen zu finden und zu wahren.
Fast alle Stücke des Quartettalbums stammen von Pablo Held. Die Ausnahmen: „Musica Callada #24“ hat Federico Mompou komponiert. „Excerpt From Piano Concerto #4“ fußt auf einem Ausschitt aus Sergei Rachmaninows viertem Klavierkonzert, und das superkurze „52nd Street Theme“ auf einem Standard von Thelonious Monk. Hier und in „Forest Spirits“ bringt Jeremy Viner die Klarinette ins Spiel, und in „Forest Spirits“ und „Ascent“ ergänzt Veronika Morscher sphärische Stimmklänge.
Veras hat sich hervorragend in die Musik des Trios eingefunden. In den Einleitungen der Stücke sowie in – wohl geplanten – Abschnitten der Mittelteile und Schlusspassagen – laufen seine Finger auf der akustischen Gitarre oft parallel zu denen Helds. Zwischendurch hat er – wie alle Mitglieder – kurze Passagen für eigene Improvisationen. Dies alles unterstreicht die aufnahmetechnische Transparenz der Einspielung. Wer weiß, ob diese filigrane Musik nicht in einigen Jahrzehnten als ein wesentlicher Beitrag zur Kammermusik des 21. Jahrhunderts eingeschätzt werden wird.

Werner Stiefele, 08.02.2020



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