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Leonardo Vinci, Antonio Vivaldi, Sting, Udo Jürgens u. a.

Inferno e Paradiso (Arien und Songs)

Simone Kermes, Amici Veneziani

Sony 19075963342
(76 Min., 05/2019)

„Alle Musik hat ihren Ursprung im Barock.“ Na, zumindest in der Zeitrechnung der Simone Kermes, und das mit gutem Recht! Ist es doch jene Epoche, welche die deutsche Sopranistin magisch anzieht, wo sie sich fühlt wie der Fisch im Koloraturen sprudelnden Aquariumwasser. Es ist eine künstliche Welt der hochgezwirbelten, extrovertierten Gefühle, aber auch der feinfühlig ausgekosteten Innenschau. Die die Leipzigerin mit jeder Stimmbandmuskelfaser bis zur Neige nacherlebt – auf der Konzertszene, bisweilen sogar in der Realität. Lauwarm geht es bei ihr niemals zu, heiß oder kalt muss es sein. Die Dame ist, ähnlich wie Cecilia Bartoli, längst ihr eigenes Gesamtkunstwerk. Und eine, die die Kontroverse gern anzieht. Und so ist, nach ihrem überfeinen, reifen Händel-Album 2019, auch das neue Album natürlich wieder Glaubenssache. Für Fans, aber auch vom Thema her.
Dieses jüngste Programm, wieder mit dem eigenen, dirigentenlos zupackenden Orchester Amici Veneziani, widmet sie nämlich den christlichen Todsünden und den Tugenden: „Inferno e Paradiso“ – Heaven and Hell – Himmel und Hölle. Das Thema ist in unserer heutigen Zeit so aktuell wie nie zuvor. Die Kermes recherchierte in den Bibliotheken der Welt. Sie entdeckte rare Barockarien von Vivaldi, Caldara, Bononcini, Broschi, Albinoni, Vinci, Bach, Hasse, die sie zum Teil als Weltersteinspielungen präsentiert, hoch virtuos und gleichzeitig berührend. Mit ihrem Komponisten und Arrangeur Jarkko Riihimäki adaptiert sie aber auch Heutiges, Populäres zum Thema Zorn, Geduld, Habgier oder Milde, etwa von Udo Jürgens, Sting, Led Zeppelin und Lady Gaga, freilich à la Barock. Das ist ein Tanz auf dem Drahtseil des guten Geschmacks, aber La Kermes auf der hochmütigen „Stairway to Heaven“, die stürzt nie ab.

Matthias Siehler, 15.02.2020



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